Home int. Meisterschaften Spielverderber – Brasiliens Seele zwischen dem Wunsch nach schönem Spiel und absolutem Erfolg

Spielverderber – Brasiliens Seele zwischen dem Wunsch nach schönem Spiel und absolutem Erfolg

by Udo Lindenlaub

Hier schreibt Udo Lindenlaub eine exklusive Kolumne für Fritten, Fussball & Bier. Udo Lindenlaub ist der Autor des wunderbaren Buches „Von Asche zu Asche“.

Der kommende WM-Gastgeber steht vor einer hoch komplizierten Situation: Man erwartet, dass der Titel im Vorbeitanzen erspielt wird, so dass sich in den Köpfen vom Rest der Welt Sambaklänge einbrennen mögen wie heuer das permanente Fliegengeschwirr der Vuvuzelas.

Die Volksmeinung indes scheint klar: Es gibt nur einen Mann, der diese Mission erfüllen kann: Scolari. Der Gene Hackman-Klon  führte die Brasilianer zum letzen WM-Sieg. Wieso jedoch das ureigene brasilianische „Jogo Bonito“ mit ihm assoziiert wird, bleibt zunächst schleierhaft, errang er den Titel in Asien doch mit bleiernem Ergebnisfußball, einzig die Strahlkraft von Ronaldo im Zenit blieb als ästhetische Emotion im kollektiven Gedächtnis hängen. Auch der Auftritt der Portugiesen unter dem Kommando des Sherrifs bei der letzen WM wirkte in der Summe seltsam uninspiriert. Woran man sich erinnert war neben der berserkergleichen Knüppelei gegen Holland und dem Krimi gegen die gesetzestreu Elfemeterschießen verlierenden Engländer einzig der würdevolle Abschied des Feingeistes Figo von der internationalen Bühne.

Nun scheint die endlose Diskussion um eine Darbietung zwischen Effizienz und Rausch einem neuen Höhepunkt entgegen zu gehen. Die Brasilianer liefen über den Platz wie eine Gruppe Raubvögel mit gestutzten Flügeln sowie Ketten an den Füßen. Zudem reichte ein einziger Abwehrfehler, um die scheinbare defensive Souveränität über den Haufen zu werfen. Wartete man im gesamten Verlauf vergeblich auf ein Zulegen, bildete man sich ein, dass nur das Nötigste getan und der Rest verwaltet wird, zeigte sich plötzlich der Trugschluss: Mit dem Siegtreffer der Holländer wurde mit einem Mal das gesamte Dilemma in seinem erschreckendem Ausmaß deutlich: Man war durch Dungas vier Jahre lang angelegte starre Taktikschablone gar nicht mehr in der Lage, mental auf kreative Offensive umzuschalten. Da nutzte auch  Robinhos albernes Pirouettengehampel und Lucios Vorpreschen mit geplatztem Kragen nichts mehr. Und bei der ganzen Diskussion wird ein wichtiger Punkt übersehen. Es heißt immer, es geht um Effizienz oder Kreativität. Dabei ist ein WM-Aus von Brasilien im Viertelfinale mit diesen Leuten noch nicht mal im Ansatz effizient. Sondern ineffizient, egal, gegen wen. Wenn schon purer Ergebnisfußball, dann muss auch das pure Ergebnis stimmen. Wenn aber das Ergebnis nicht stimmt, hat man unter dem Strich nichts. Das bedeutet, dass Ergebnisfußball viel riskanter ist. Spielen 32 Mannschaften puren Ergebnisfußball, werden 31 ihr Ziel nicht erreichen, also ineffektiv sein. Hat man jedoch als mitlaufendes Fernziel, auch die Herzen zu wärmen, würde auch die heimische Presseschelte viel milder verlaufen. Zudem scheint der bisherige Turnierverlauf darauf hinzudeuten, dass Schönheit gepaart mit Zielstrebigkeit die Erfolgswahrscheinlichkeit erhöht. Denn Schönheit ist gegenwärtig deutsch, spanisch, holländisch und argentinisch definiert.

Der in der Versenkung verschwundene Trainer Bernd Kraus hat einmal gesagt:

Wenn ich schon nicht selbst mitspielen darf, will ich wenigstens ein schönes Spiel sehen. (Bernd Kraus)

In diesem Sinne spürt man die Sehnsucht nach einem Entfesselungskünstler, der die Jungs vom Zuckerhut von der Leine lässt, freilich ohne naiv die Abwehr zu vernachlässigen. Dass man dies sehr wohl zu einer Hochkultur vereinen kann, beweisen die drei übrig gebliebenen Europäer. Denn eines ist doch klar: Wenn ich bei einer Heim-WM schon im Viertelfinale rausfliege, was je nach Spielplan oder Unglücksverkettung durchaus passieren kann, dann doch lieber mit tragischem Herzschmerz als mit dem lautstarken Aufatmen darüber, dass man endlich vom Mehltau erlöst ist.

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