Home int. Meisterschaften Mengo para sempre! – Zu Gast bei Flamengo Rio de Janeiro

Mengo para sempre! – Zu Gast bei Flamengo Rio de Janeiro

by Frittenmeister

Hier schreibt Mark Scheppert eine Kolumne oder sagen wir mal seine Erlebnisse für Fritten, Fussball & Bier auf. Mark Scheppert ist der Autor der wunderbaren Bücher “90 Minuten Südamerika” und “Mauergewinner” und ist im Netz unter www.markscheppert.de zu finden.

Man hört ja bald gar nichts Gutes mehr von der EURO 2012, besonders die Ukraine gerät immer mehr in negative Schlagzeilen. Freuen wir uns also schon jetzt auf die Fußball-WM 2014 in Brasilien. Endlich wird alles wieder gut. Hier ein kleiner Vorgeschmack:

„Wir gehen fünf Minuten vor Schluss. Dabei möchte ich es belassen“, kreischt uns Victor von hinten an. Ich stoße Jenna in die Seite und deute auf den vierten Offiziellen, der gegenüber von uns gerade die Tafel mit der Nachspielzeit von zwei Minuten in die Höhe hält. „Der hat ja überhaupt keine Ahnung von Fußball“, murmelt Jenna lächelnd. Nicht nur das! Das Spiel hat gerade seinen emotionalen Höhepunkt erreicht. Wir hatten vor kurzem den Ausgleich erlebt und Vasco spielt nur noch mit 10 Mann. Niemand sitzt noch. Wir sind umgeben von einem schwarz-roten Fahnenmeer und aufgeregt schreienden Fans. Heißblütig peitschen sie die Mannschaft nach vorn. „Wir bleiben bis fünf Minuten nach Spielende“, gebe ich an einen Typen aus unserer Touristengruppe weiter. Der vielleicht letzte Eckball. Alle Abwehrspieler laufen in den Strafraum. „Mengo, Mengo, Mengo“, schallt es aus tausenden Kehlen durchs Stadion. Der Ball segelt in den Strafraum. Mehrere Spieler steigen in die Luft. „Bloß kein Tor mehr“, schreit mir Jenna ins Ohr. Ein Aufschrei…

Ich wache mit einem beseelten Lächeln im Gesicht auf. Genau so hatte ich mir einen Fußball-Klassiker – einen „Classico“ – in Rio de Janeiro vorgestellt.

Neben Sylvie und Jenna ist Pascal im Oktober 2010 mit dabei. Nein, er steht nicht für große Veränderungen in meinem Freundeskreis, dafür kenne ich ihn schon viel zu lange. Pascal ist Mischling. Ja, ein Schwarzer, Dunkelhäutiger, Mulatte, oder eben Deutsch-Afrikaner. Er begreift diese Begriffe nicht als Schimpfwörter, da auch er seine Mitmenschen oft nach Äußerlichkeiten umschreibt. Doch ich tue mich schwer damit. Ich komme aus einem Land der politischen Korrektheit, in dem man, historisch bedingt, äußerst vorsichtig in seiner Wortwahl gegenüber Andersfarbigen sein muss. Gleichzeitig lebe ich im Land der „Weißen“, in dem unterschwelliger Rassenhass leider noch immer an der Tagesordnung ist.

Rio ist am Tag unserer Ankunft nicht die Traumstadt aus meinen Erinnerungen. Der Himmel ist wolkenverhangen, verhüllt den Jesus auf dem Corcovado und selbst der Zuckerhut ist nicht zu sehen. Die Favelas auf dem Weg in die Stadt waren mir damals gar nicht aufgefallen und an den betongrauen Häusern entlang der Copacabana sind Schimmel und schwarze Stockflecken nicht zu übersehen. Auch der Strand wirkt im Nieselregen eher trist. Es ist wie ein zweiter Blick hinter die Sehenswürdigkeitskulisse.

Wir setzen uns ins „Gelbe“ an die berühmte Promenade unter einen Schirm und trinken Dosenbier. Marco hatte vorher eine dringliche Reisewarnung ausgesprochen: „Trinkt bloß kein Antarctica!“ Anhand der Stuhlfarbe der Kioske und Kneipen erkennt man in Brasilien, welche Biersorte ausgeschenkt wird. Wir müssen somit ins „Gelbe“ (Skol) oder „Rote“ (Brahma) und vermeiden tunlichst die „Blauen“ (Antarcica).

Wir beobachten die vorbeischlendernden Menschen: Weiße Kinder, Hand in Hand, mit schwarzen Freundinnen, blonde Frauen, Arm in Arm, mit kakaobraunen Männern, Menschen japanischen und afrikanischen Ursprungs joggen gemeinsam die Straße entlang, dicke und dürre weiß-schwarz-braun-gelbe Liebespärchen schlürfen gemeinsam an einer Kokosnuss oder küssen sich zärtlich. Es gibt hier ein so ergreifendes, vorurteilsfreies Miteinander, eine Harmonie und Ausgewogenheit der Rassen, dass es einem augenblicklich ganz warm ums Herz wird. Ich weiß plötzlich wieder, wo ich mich befinde: in der schönsten Stadt der Welt!

Wir hatten dreimal gefragt, doch sie konnten uns nicht beantworten, ob im Stadion auch Bier ausgeschenkt wird. Um 15 Uhr sitzen wir mit drei Tüten Brahma vor dem Hotel und glühen vor. Niveaulimbo seit 20 Jahren. „Guckt euch den mal an!“, ruft Jenna. Ein Arsch wackelnder Typ im Hawaiihemd kommt an unseren Tisch und fragt mit sanfter Stimme, ob wir die Leute sind, die zum Spiel wollen. Er, Victor, wäre unser Führer und schon ganz aufgeregt, da es sein erstes Live-Match wäre. Der eigentliche Tourguide wäre krank. Ich habe nichts gegen Schwule – einige zählen zu meinen Freunden in der Heimat, doch dieser Kerl, mit seiner überkandidelten Art, geht mir sofort gehörig auf die Nüsse. Er labert und labert, kann jedoch keinerlei Infos zum Stadion und den beiden Teams liefern. Ich hatte recherchiert, dass wir, auch wenn es ein Klassiker ist, nur das Spiel des 12. (Vasco da Gama) gegen den 13. (Flamengo) verfolgen werden und dass das Spiel im Engenhão stattfindet, da das „Maracanã“ wegen Renovierungsarbeiten für die WM 2014 geschlossen ist. Als wir den Tour-Bus mit vier Bier im Kopf besteigen und das nächste zischend öffnen, mache ich mir ein wenig Sorgen, wie dort wohl die Toilettensituation aussehen wird. Victor faselt jetzt ununterbrochen. Er erklärt, dass wir noch zwölf andere Leute vom Mercure-Hotel abholen werden. Jeden Satz beendet er mit: „Dabei möchte ich es belassen.“

„Bitte keine Franzosen!“, rufe ich augenblicklich. Der Gag hatte sich über all die Jahre gehalten. „Werden schon keine Froschfresser sein“, antwortet Jenna gewohnt trocken, als die Tür aufgerissen wird und die Jungs mit einem freundlichen „Bonjour“ den Wagen betreten. Ein Klassiker zum Classico! Victor spricht auch diese Sprache fließend. In Deutsch erklärt er, dass Glückspiel in Brasilien verboten sei und wir deshalb alle heimlich das Ergebnis des Spiels – mit einem Einsatz von 10 Real – tippen sollen. Dabei möchte er es belassen. Jenna tippt 1:1, ich 2:1 für Flamengo und auch acht Franzosen schreiben etwas auf den Zettel.

Auf der Stirn unseres Führers perlt nun der Schweiß. Er ist so aufgeregt, dass wir ihm regelrecht hinterher rennen müssen. Wir schlängeln uns durch laut singende Menschenmassen in Richtung Einlass. Einer Eingebung folgend, hatte ich mich für das deutsche rot-schwarze Auswärtstrikot entschieden. Vascos Farben sind weiß-schwarz. Dort wäre ich sicherlich unangenehm aufgefallen. So sprechen mich schon vor dem Stadion mehrere Flamengo-Fans an. Alle sind noch immer begeistert von der Spielweise unseres Teams bei der letzten WM. Besonders, dass wir Argentinien mit 4:0 zerlegt hatten, würdigen sie gebührend. Zum ersten Mal wird mir bewusst, was die Deutschen im Ausland angerichtet haben. Diese bunte Mischung mit Klose, Podolski, Özil, Khedira, Cacau und Boateng hatte unser Land mit so viel Charme repräsentiert, dass „wir“ weltweit viele neue Anhänger gewonnen haben. Die Brasilianer haben gelernt, uns mit anderen Augen zu sehen. Wenn das kein Kompliment ist! Auf die Frage, ob sie die Argentinier hassen würden, antwortet mir ein Typ, auf dessen Shirt Jesus auf dem Corcovado mit Flamengo-Trikot abgebildet ist, mit brasilianischer Arglosigkeit: „Not hate. We respect them.“

Victor wirkt nun immer verpeilter. Im Maracanã gibt es scheinbar eine abgesperrte „Touristensektion“, doch hier haben wir nicht mal nummerierte Karten. Zielsicher führt er uns auf die oberste Tribüne, auf Plätze, die inmitten der Ultras zu liegen scheinen. Die meisten begrüßen uns jedoch mit erhobenen Daumen und rufen „Tudo bem“ (Alles okay). Auch die Klos sind „bem“. Als ich herauskomme, steht Pascal mit vier großen Bierbechern da und erklärt Schulter zuckend: „Die hatten nur Antartica.“ Was er nicht verstanden hatte: Sem alcohol (ohne Alkohol). Das Zeug schmeckt widerlich, doch die Franzosen schauen bei unserer Rückkehr neidisch zu uns herüber.

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Sylvie zeigt mir stolz die Fotos, die sie in der Zwischenzeit geschossen hatte. „Wer ist eigentlich der Typ auf den Fahnen mit der Nummer 10?“, fragt sie. Für sie ist es das zweite Fußballspiel im Leben – nach Deutschland gegen Brasilien in Berlin – und so hatte sie scheinbar jeden tätowierten Hardcorefan abgelichtet und zig Bilder davon geschossen, als das schwarz-rote Transparent, wie ein gigantisches Bettlaken, heruntergelassen wurde. „Zico“, antworte ich, im Wissen, dass sie noch nie zuvor vom „weißen Pelé“ gehört hatte. Es wird Zeit, dass Ronaldinho hier unterschreibt.

Zum Glück werden die Choreographien noch einige Male wiederholt und auch den Konfettiregen beim Einlauf verpasse ich nicht. Das Stadion ist mit 26000 Leuten vielleicht zu zwei Dritteln gefüllt, doch durch die melodischsten Dauergesänge, die ich jemals bei einem Fußballspiel gehört habe, fühlt es sich an, wie ausverkauft.

Zur Halbzeit führt Vasco mit 1:0. Mit traurigem Dackelgesicht schaut Victor die ganze Zeit in deren Kurve. Seit der Führung tanzen sie dort und halten weiße Luftballons und Wattebäuchlein in die Höhe. Doch wir unterstützen ein anderes Team. Wir sind für die Mannschaft mit den meisten Fans des Landes. Nach der roten Karte für einen Vasco-Mann treibe ich sie zusammen mit Sylvie, Jenna und Pascal nach vorn und tatsächlich: in der 80. Minute gelingt der Ausgleichstreffer. Wir liegen uns in den Armen und brüllen minutenlang: „Mengo, Mengo, Mengo.“

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„Hey, du rennst in die falsche Richtung!“, ruft Pascal unserem Tourguide hinterher. Es war beim 1:1 geblieben und Victor hatte nun spürbar Schiss. Dabei wirken die heimkehrenden Fans so friedlich, dass wir uns ärgern, nicht alleine gekommen zu sein. Nur unser Führer stresst. „Das ist hier sehr gefährlich. Dabei möchte ich es belassen“, schnauzt er uns an, obwohl wir ihn freundlich davon abgehalten hatten, in Richtung der Vasco-Kurve zu laufen.

Bei der Rückfahrt erklärt er rotzfrech, dass 50 % der Wetteinsätze vom Casino, also von ihm, einbehalten werden, doch er kann uns die Stimmung nicht mehr versauen. Was für ein geiles Spiel und Jenna hatte auch noch den Jackpot gewonnen. Mit den Banknoten wedelt er grinsend vor den Gesichtern der Franzosen herum. An der Copacabana spendiert er allen im „Gelben“ eine frische Caipirinha.

Ich wache auf. Nein, dies war nicht alles nur ein Traum. Erstmals war ich live bei einem Fußballspiel in Brasilien gewesen. Den Club habe ich mir nicht ausgesucht. Ein brasilianisches Sprichwort besagt, dass man eine Ehefrau wechseln kann, aber niemals den Verein seines Herzens. An diesem Abend wurde mir „Flamengo“ schlichtweg gegeben. Für immer: „Mengo para sempre“. Dabei möchte ich es auch belassen!

 

Quelle Bilder und Videos: Mark Scheppert

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