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Magisches Dreieck

by Frittenmeister

Hier schreibt Mark Scheppert eine Kolumne oder sagen wir mal seine Erlebnisse für Fritten, Fussball & Bier auf. Mark Scheppert ist der Autor der wunderbaren Bücher „90 Minuten Südamerika“ und „Mauergewinner“ und ist im Netz unter www.markscheppert.de zu finden.

Ein kleiner Hinweis zu Beginn der Geschichte: Wir befinden uns im Jahre 2006, dem Jahr der Weltmeisterschaft in Deutschland…

Fussball in DDR 1Meine erste Fußball-Weltmeisterschaft auf deutschem Boden! Es hätte ein großes, ein bedeutendes Ereignis für mich werden können. Aber nein!

Zum einen fand dieses Turnier auf der falschen Seite der Mauer statt, zum anderen war ich gerade erst drei Jahre alt. Das Endspiel 1974 verlief für mich in etwa so: Mein Vater und mein Onkel Wolfgang haben sich im von uns so genannten „Scheppert-Eck“ Mollstraße / Ecke Hans-Beimler-Straße beim Frühschoppen so dermaßen einen eingeholfen, dass sie beim Finale BRD gegen Holland schnarchend auf unserem Wohnzimmerteppich lagen und ich mit Mutter das Spiel allein anschaute. Die BRD wurde Weltmeister und ich – trotz allem – zum Fußballfan.

Mein Berlin hatte zwei Mannschaften zu dieser Zeit: Union Berlin und den BFC Dynamo. Wir wohnten in Friedrichshain, und da war es zu Union nach Köpenick in Kinderaugen genauso weit wie nach Magdeburg oder Halle. Der Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Prenzlauer Berg hingegen war gleich um die Ecke – also wurde ich weinrot-weiß Dynamo.

Ich war noch sehr klein und wusste nicht, welchen zweifelhaften Ruf meine Mannschaft in unserer Republik besaß. Wahrscheinlich haben mich Sprüche der Gästefans wie: „Ihr bekackten Mielke-Stasi-Arschlöscher-Bonzen!“ in diesem Alter nur verwirrt. Es war eine Frage der sozialistischen Ideologie: BFC-Fan hieß, man war dafür, Unioner waren dagegen. Egal – ich hatte ein Team, das ständig gewann!

Ich kann mich noch an das Ergebnis meines ersten Live-Spiels erinnern: 10-0 gegen die BSG Chemie Leipzig im Jahnsportpark – es war die Saison 1979/1980. Was für ein Spiel, was für ein Ergebnis! Ich war infiziert. Wir waren zusammen mit Vater und Benny in den Prenzlauer Berg gefahren. Das Stadion wirkte gigantisch auf uns Kinder, wenn auch ziemlich leer. Es lag in unmittelbarer Nähe der Mauer –wir konnten auf die weißen Häuser von Westberlin schauen und die Wessis konnten sicher die paar hundert Fans des BFC unter der Anzeigetafel jubeln und singen hören.

UnionWir standen in der Kurve genau gegenüber der Tafel und durften durch die Reihen rennen, über die Holzbänke springen, den Gang hinunterwetzen und am Zaun hochklettern. Es waren kaum Leute in diesem Block und wir die einzigen Kinder. Trotz der eher lausigen Stimmung: Das magische Spieler-Dreieck mit Troppa, Trieloff und Terletzki zog mich ab jetzt alle 14 Tage in die Cantianstraße. Am Ende dieser Saison feierten „wir“ unseren zweiten Meistertitel in der DDR-Oberliga – mein persönlich erster als Fußballfan.

Ich hatte die richtige Wahl getroffen. Während Union in seiner Alten Försterei meistens gegen den Abstieg spielte oder gar in der 2. DDR-Liga herumgurkte, feierte ich einen Erfolg nach dem anderen. Ich fuhr nie zu Auswärtsspielen, und zu Hause gewannen wir eigentlich immer. Wir bejubelten zehn Meistertitel in Folge. Bei neun dieser Triumphe war ich anwesend. Wer hat schon so ein erfolgreiches Fanleben?

Angeblich wurden die besten Fußballer aus der ganzen Republik nach Berlin „delegiert“. Die einzig spannenden Oberligaduelle meiner Jugend waren die gegen Dynamo Dresden. Doch auch da konnte wenig schief gehen, denn der BFC hatte neben seiner spielerischen Klasse auch fast immer die Schiedsrichter auf seiner Seite. Irgendwann war ich alt genug, um zu verstehen, warum uns die ganze Republik nicht mochte. Besonders die Dresdner verabscheuten Berlin und den BFC zutiefst. Es reisten oft Tausende von Schwarz-Gelben Fans mit, wenn ihr Club in der Hauptstadt spielte. Bei meinem ersten Heimspiel gegen Dresden wusste ich nichts von der besonderen Brisanz, die das Duell für beide Seiten hatte. In voller Montur, also mit meinem weinrot-weißen BFC-Schal, fuhr ich wie immer mit Trulli in der U-Bahn zur Dimitroffstraße und wir gingen in Richtung Stadion.

Bereits an der nächsten Ecke standen plötzlich 20 Hass erfüllte erwachsene Männer mit schwarz-gelber Kriegsbemalung vor uns, begannen uns zu schubsen und zu bespucken. Sie brüllten ununterbrochen: „Scheiß Stasigesocks!“ Ich heulte und hielt meinen Schal panisch mit beiden Händen fest. Doch wir hatten Glück. Nach kurzer Zeit rief einer der Typen: „Schluss jetzt Lungi!“ Er erklärte uns mit sächsischem Akzent, dass wir das Spiel heute leider nicht sehen würden. Er führte uns zusammen mit seinem ganzen Trupp zurück zur U-Bahn-Station, wartete sogar am Gleis noch auf den einfahrenden Zug und darauf, dass wir in Richtung Alex zu Mami und Papi zurück fuhren. „Hier regiert die SGD!“ schallte es uns hinterher. An diesem Tag verfolgten wir unser Heimspiel verängstigt und nervös am Radio, rannten aber nach dem 1-0 jubelnd durch die Straßen unseres Neubauviertels und brüllten: „Hier regiert der BFC!“. Bei Spielen gegen Dynamo Dresden habe ich danach meinen Fanschal immer tief unter der Jacke vergraben und erst wieder angelegt, wenn ich in unserem sichereren Fan-Block angelangt war.

BFCIrgendwann machte uns der dauerhafte Erfolg müde. Der BFC-Oberboss Erich Mielke saß oft gelangweilt auf seiner Ehrentribüne und wir riefen aus unserem Block hinüber: „Erich, wink einmal!“ Nur der internationale Wettbewerb war irgendwann noch interessant. Unser Torwart Bodo „Wink einmal“ Rudwaleit (er wurde so genannt, da er sich bei hohen Führungen oft umdrehte und uns Fans lächelnd zuwinkte) hatte den entscheidenden Elfer gegen Aberdeen gehalten, und auch Nottingham Forrest, Aston Villa und AS Rom waren Namen, die uns die miefigen ostdeutschen Duelle gegen Wismut Aue und Stahl Riesa vergessen ließen. Wir fühlten uns groß, bedeutend und ich kam über meinen Dynamo-Vater an Karten heran!

Die bedeutendsten Spiele meiner Kindheit waren die beiden innerdeutschen Duelle im Europapokal der Landesmeister gegen den HSV und Werder Bremen. Für das Hamburg-Spiel hatte mein Vater über seine „Beziehungen“ sogar extra Karten für sich und seinen jüngeren Bruder, der dafür aus Sachsen angereist kam, besorgt, und so saßen wir unverschämt gut auf der Ehrentribüne in der Nähe der Politbüroprominenz, umringt von diversen Fußballfans des Ministeriums.

Mein Onkel Wolfgang arbeitete im Interhotel in Leipzig und hatte neben seinem ungewöhnlich lockeren Lebensstil, welchen er natürlich den D-Mark-Trinkgeldern verdankte, auch eine vollkommen andere Meinung zu unserem Staat und vor allem zum BFC. Er war der jüngere Bruder meines Vaters und die beiden verstanden sich meist gut. Mein Vater nannte ihn einfach nur einen „Anti“, der seit frühester Jugend gegen alles und jeden rebellierte. Ich erlebte erstmals, was damit gemeint war, als beim Tor für den HSV ein einziger Mensch auf der Ehrentribüne aufsprang und wie verrückt jubelte – mein Onkel. Zeitgleich fiel mir auf, dass diverse Fotos von ihm und den umliegenden Zuschauern geschossen wurden, und ich fragte mich, ob wir eventuell morgen in der Zeitung sein würden.

Am nächsten Tag legte ein Mitarbeiter des Ministeriums meinem Vater die Bilder vor und wollte wissen, wer dieser jubelnde Staatsfeind neben ihm war. Onkel Wolfgang wurde nie wieder von meinem Vater zum Fußballspiel mitgenommen, jubelte aber auch im fernen Sachsen weiterhin lieber für Bayern München und Borussia Mönchengladbach als für den FC Karl-Marx-Stadt und Lokomotive Leipzig.

1989 sah ich mein letztes DDR-Oberligaspiel. Es gab jetzt wesentlich wichtigere Dinge in meinem Leben und eine brutale Hooliganszene hatte das Stadion fest im Griff. Genau zum richtigen Zeitpunkt beendete ich meine Beziehung zu meiner Mannschaft. Der BFC verscherbelte alle seine Stars gen Westen, wurde nie wieder Meister und spielt heute in einer viel tieferen Liga als seine Gegner aus meiner Zeit.

Mittlerweile wohne ich in Berlin so, dass es zur Hertha ins Olympiastadion – gefühlt – genauso weit ist, wie nach Halle oder Magdeburg. Die Alte Försterei liegt gleich um die Ecke. Somit muss ich gestehen, dass ich mir dort schon etliche Spiele angeschaut habe. Okay, ich kann mit meiner Vergangenheit nie ein heißblütiger „Eiserner“ werden, darf aber zumindest hinfahren, zwei drei Bier trinken und die einmalige Atmosphäre genießen – wenn ich das Maul halte.

Ach, scheiß drauf, ich bin Fußballfan geblieben – habe aber seit der Wende kein eigenes Team mehr in Berlin. Nur noch bei großen internationalen Turnieren leide und fiebere ich mit einer Mannschaft: Deutschland!

Meine zweite Fußball-WM auf deutschem Boden! Es hätte ein großes, ein bedeutendes Ereignis für mich werden können. Aber nein!

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIch befand mich mit meiner Freundin auf einer Weltreise. Das Eröffnungsspiel der WM 2006 sahen wir auf einem Miniaturfernseher mit verrauschtem Bild in einem bolivianischen Hochgebirgskaff in der einzigen Kneipe, in der Fußball lief. Die vier Einheimischen, die mit uns vor dem Fernseher saßen, wirkten jedoch alles andere als interessiert. Für Millionen Deutsche, Europäer, aber auch Südamerikaner war es das Spiel der Spiele, einfach nur deshalb, weil das monate-, nein, jahrelange Warten auf die WM endlich vorbei war. Der Jubel der Massen im Münchener Stadion, die unter die Haut gehende Stimmung bei den Nationalhymnen, das wunderbare Tor von Phillip Lahm – all das war für die hiesigen bolivianischen Zuschauer scheinbar ausgesprochen langweilig und am liebsten hätten sie zu dem japanischen Actionfilm auf Kanal 2 zurückgeschaltet. Dabei bestätigten mir nur Tage später sogar einige Engländer, dass das 4:2 gegen Costa Rica fantastisches Entertainment von uns Deutschen war. Aber den vier Bolivianern bedeutete das alles nichts. So war meine absolut fußballuninteressierte Freundin Sylvie diejenige, die an meiner Seite am zweitlautesten jubelte. Sofort bereute ich, dass ich das Spiel nicht vor einer riesigen Großbildleinwand auf irgendeiner ohrenbetäubend lauten Fanmeile in der Heimat sah. Aber ich gab nicht gleich auf. Ich wollte ins stimmungsgeladene Argentinien fahren.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEs wurde eine der schönsten Reisen meines Lebens. Nicht nur bei den vom Fußballfieber infizierten Leuten im Lande Maradonas, sondern auch im ebenfalls an der WM teilnehmenden Paraguay und vor allem in Brasilien wurden wir mit einer unglaublichen Herzlichkeit aufgenommen. Überall verstand man ohne viele Worte, dass ich ein Suchender war, ein wahrlich großer Fan ohne eigenes lokales Team, aber dafür mit riesigem Fußballherz. Ein verzweifelter Kerl, der sogar von der Fußball-WM im eigenen Land verbannt war. Ich blieb bis zum Ende des Turniers in Südamerika und alle, die wir trafen, gönnten mir die Erfolge meiner Mannschaft! Nach sehr langer Zeit wurde ich durch Klose, Ballack und Podolski unter dem Zuckerhut wieder an die Zeiten erinnert, als wir aus dem Jubeln gar nicht mehr herausgekommen waren. Letztendlich war diese Reise sogar der Auslöser, ein ganzes Buch über Südamerika zu schreiben.

Noch heute gibt es im Berliner Osten, wenn es um Fußball geht, eine Frage mit fast schon gesellschaftspolitischem Charakter. Eine Frage nach persönlicher Herkunft und Vergangenheit. Sie lautet: „BFC oder Union?“ Nicht nur früher bestand die Gefahr, bei falscher Antwort eine auf die Fresse zu kriegen. Ich sage dann immer kleinlaut: „Ich interessiere mich nicht für Fußball.“

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