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Mentale Schwäche…

by Udo Lindenlaub

Hier schreibt Udo Lindenlaub eine exklusive Kolumne für Fritten, Fussball & Bier. Udo Lindenlaub ist der Autor des wunderbaren Buches „Von Asche zu Asche“.

Die Verlängerung im ersten Achtelfinalspiel Ghana gegen USA  war ein Lehrbeispiel für den Einfluss der Psyche auf Extremsituationen im Leistungssport …

Schultern, Köpfe und Blicke stürzten mit einem Mal lotgerecht herunter. Von nun an tat jeder Schritt weh. Die Beine versagten kollektiv die Gefolgschaft. Das Tor zum 2:1 der wackeren Ghanaer sorgte für den scheinbar kompletten körperlichen Kollaps des Gegners, die Amis waren schlagartig so platt wie 100 Quadratmeter Laminat. Ist das wirklich möglich? Kann es sein, dass 11 Männer gleichzeitig so ermatten, dass sie –  einer Thekenmannschaft gleich –  über den Platz schleichen, obwohl sie von furchteinflößenden Fitnessgurus mit Bürstenschnitt und GI-Kommandos getrimmt wurden? Selbst der dauerhaft Floskeln schwäbelnde Co-Kommentator Klinsmann rühmte während des Achtelfinales mehrfach die „sehr, sehr gute Fitness“ der Amis. (Nebenbei: Wer hat eigentlich damit angefangen, dass mittlerweile auf allen Sendern einzelne Worte „Höchst höchst gefährlich“, ja sogar ganze Satzteile „Das Spiel entwickelt sich immer mehr zum Krimi – immer mehr zum Krimi“ repetiert werden?)

Bis zum Tor. Dann kam die Blitz-Ermüdung, und infolgedessen gab es nur noch Mondbälle, Zweikampfschwäche und Brechstange vom Feinsten, obwohl locker noch Zeit für eine ganze Mannschaftstour nach Malle gewesen wäre. Und die Afrikaner ihrerseits mit der Verletzung des Rüpels Boateng auch noch einen derben Schlag in die Magengrube zu verarbeiten hatten. Auch das Kommentatorenteam konstatierte in einer 180° Wendung augenblicklich eine erhebliche Konditionsschwäche. Was aber war wirklich der Tipping-Point des Spiels? Beim Lauftraining gibt es einen grandiosen Satz: „Es ist immer der Geist, der zuerst aufgibt!“ Heißt im Umkehrschluss: Der Körper hat eigentlich immer noch Reserven. Wäre ein wild gewordenes Raubtier im Stadion aufgetaucht, wäre jeder Einzelne garantiert noch in der Lage gewesen, einen 1000 Meter Lauf unter 3:15 zu finishen. So aber fehlte den US-Boys der Glaube an sich und an die Wende, sie wähnten sich gedanklich schon in den watteweichen Sesseln der „American Airlines“. Der Geist befahl dem Körper, augenblicklich zu kapitulieren. Und sie hatten vergessen, sich gedanklich auf eine solche Situation vorzubereiten.

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