Home Geschichtsstunde Heute vor 15 Jahren: Das Aktenzeichen RS C-415/93, bekannt als das „Bosman-Urteil“

Heute vor 15 Jahren: Das Aktenzeichen RS C-415/93, bekannt als das „Bosman-Urteil“

by Frittenmeister

Heute vor 15 Jahren, am 15. Dezember 1995 sorgte der Europäischen Gerichtshofes (EuGH) mit dem sogenannten „Bosman-Urteil“ für einen großen Aufschrei bei den Managern der europäischen Fussballvereine. Der ehemalige belgische Junioren-Nationalspieler Jean-Marc Bosman klagte gegen eine willkürliche und viel zu hoch angesetzte Ablösesumme seines Vereins RFC Lüttich, sorgte damit dafür, dass der europäische Fussball in seinen Grundmauern erschüttert wurde. Früher war es mit den Verträgen anders als heute. Da mussten auch noch Ablösesummen bezahlt werden, wenn der Vertrag eines Spielers schon lange beendet war. Einfach nur mal eben so zu einem neuen Verein wechseln, weil der Vertrag ausgelaufen war, ging damals nicht. Bei Jean-Marc Bosman war es genauso, die Vertragsverlängerung hatte nicht geklappt und so lehnte er den Knebelvertrag der Lütticher ab, bei dem er 40% weniger als vorher hätte verdienen sollen. In Zahlen gerechnet wären seine Bezüge 3500 Euro auf nur noch 900 Euro im Monat gesunken. Nachdem die Vertragsverhandlungen gescheitert waren, wollte Jean-Marc Bosman nach Frankreich zum USL Dünkirchen wechseln, nur jetzt setzten die Verantwortlichen des RFC Lüttich eine Ablösesumme von 800.000 Dollar fest, was ein kleiner französischer Zweitligist natürlich nicht zahlen konnte. Also platzte der Transfer und mit ihm auch die Hoffnung von Jean-Marc Bosman, schnell wieder für ein normales Gehalt Fussball spielen zu können.

Ganze fünf Jahre, unzählig viele Instanzen und drei Gerichtsbarkeiten später war es vollbracht. Jean-Marc Bosman war pleite und arbeitslos und die Vereine in Europa hatten ein gewaltiges Problem, denn das Urteil des europäischen Gerichtshofes bedeutete für die Klubs das Ende ihrer bisherigen Arbeitsweise. Spieler hatten jetzt das Recht auf „die freie Wahl des Arbeitsplatzes“, was zur Folge hatte, dass die Ablösesummen am Ende eines Vertrages nicht mehr bezahlt werden mussten. Spieler waren nach Ablauf ihres Vertrages ablösefrei und konnten machen was sie wollten. Die Vereine konnten die Spieler zu nichts mehr zwingen und verloren so haufenweise Geld. Gleichzeitig war das bequeme Hin- und Hergeschiebe von Spielern zwischen zwei Vereinen beendet. Der Spieler hatte jetzt großes Mitspracherecht an seinen Transfers. Der zweite Punkt, der sich aus diesem Urteil ergab, war dass nun jeder Spieler das Recht auf eine freie Berufswahl hatte. Jeder durfte selber wählen, wo er spielen möchte und wo nicht. Dadurch fielen die Ausländerbeschränkungen der europäischen Ligen und ab diesem Moment durfte jede Mannschaft so viele Ausländer wie sie wollten in das Team mitaufnehmen und auch spielen lassen. Für die Vereine war ds eine Katastrophe und wenn Bayern Münchens Vorstandsvorsitzender heute sagt, dass das damals die „schlimmste Katastrophe war, die der Klubfußball je erlebt hat“, dann übertreibt er aus Sicht eines Funktionärs sicherlich nicht.

Mir selber war das gar nicht mehr so richtig bewußt, aber die ganze Angelegenheit zog sich ja über fünf Jahre hinweg. Ich habe das mit Hilfe von Wikipedia mal chronologisch geordnet und zusammengefaßt, sozusagen einen zeitlichen Überblick des Bosman-Urteils erstellt:

Juni 1990: Jean-Marc Bosman will nach einem Streit um eine Vertragsverlängerung den FC Lüttich verlassen. Die Ablösesumme für ihn wird auf utopische 800.000 Dollar festgesetzt. Dadurch scheitert sein Transfer zum französischen Zweitligisten Dünkirchen…

August 1990: Bosman verklagt seinen alten Verein, den RFC Lüttich und zusätzlich den belgischen Fußballverband auf Schadenersatz.

November 1990: Ein belgisches Gericht erlaubt Jean-Marc Bosman den ablösefreien Wechsel nach Frankreich. Der belgische Verband klagt dagegen.

Mai 1991: Das Berufungsgericht in Lüttich trifft eine Grundsatzentscheidung: Bosman darf nun den Verein wechseln, allerdings ruft das Gericht danach den EU-Gerichtshof an, um in ganz Europa einen rechtssicheren Status herzustellen.

Januar 1992: Bosman scheitert bei seinem neuen Verein in Frankreich und kehrt daraufhin nach Belgien zurück. Sein Antrag auf Arbeitslosengeld wird zurückgewiesen.

März 1995: Ein Gericht weist die Berufung der UEFA, des belgischen Verbands und des FC Lüttich ab.

Juni 1995: Prozessbeginn vor dem EU-GH

November 1995: Offener Protestbrief der UEFA gegen die mögliche Entscheidung des Gerichtes zu Gunsten von Bosman.

November 1995: Die FIFA schaltet sich ein und unterstützt hochoffiziell die UEFA

15. Dezember 1995: Der Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg fällt sein Urteil zu Gunsten von Bosman (Aktenzeichen: RS C-415/93, Slg 1995, I-4921). Eine neuerliche Revision wird nicht mehr zugelassen!

Vor 15 Jahren gab es das Urteil und heute erinnert sich kaum noch jemand daran. Es ist normal für uns geworden, dass Fussballer richtig viel Geld verdienen und dass viele ausländische Stars bei uns in der Liga spielen. Es ist auch normal geworden, dass Manager immer noch der alten Zeit und dem vielen Geld hinterhertrauern dem Geld hinterhertrauern oder dass Spielerberater und -agenten inzwischen mehr Geld bei einem Wechsel einstreichen, als so mancher Spieler überhaupt wert ist. Aber was solls, die Spirale dreht sich weiter, der Fussballalltag ist schnelllebiger geworden und bringt uns Fans heute einen deutlich besseren Fussball in die Stadien als früher. Mehr Stars, mehr Event, mehr Stimmung. Oder so ähnlich! Für Jean-Marc Bosman hat sich das Ganze allerdings nicht ausgezahlt. Er musste seine Karriere als Fussballer beenden, wurde arbeitslos und später auch noch krank. Er hat gekämpft für die Profis, die sich heute einen Arsch voll Geld verdienen, aber hängen geblieben ist bei ihm nichts außer Verachtung seitens der Fussballindustrie und Gleichgültigkeit seitens der Fussballmillionäre. Wer mehr über ihn erfahren will, der liest sich am Besten mal das heute erschienene Interview mit ihm in der WELT durch: Das Interview

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