Home ReviewBuch Die Brüder Boateng…

Die Brüder Boateng…

by Frittenmeister

Jerome Boateng ist Fussballer. Und deutscher Nationalspieler. Kevin-Prince Boateng ist ebenfalls Fussballer. Und war mal Nationalspieler für Ghana. George Boateng war mal ein talentierter Fussballer. Ein sehr talentierter sogar, doch die Fussballerkarriere musste er seinen Brüdern überlassen. Ihn führte sein Leben woanders hin, in den Knast…

Kevin hatte es viel schwerer als ich. Im Wedding aufzuwachsen ist anders als in Wilmersdorf. (Jerome Boateng)

Michael Horeni, Sportjournalist bei der FAZ, hat über die Boateng-Brüder ein verdammt gutes Buch geschrieben und ich habe endlich viel verstanden. Jetzt weiß ich wieso Kevin-Prince von den Medien als der kleine Gangster dargestellt wird, wieso Jerome ein angenehmer und zurückhaltender Fussballprofi ist und dass es noch einen dritten im Bunde gibt, der eher selten bis nie in Erscheindung tritt. Zumindest heute nicht mehr, früher war das mal anders, da musste George Boateng oft seinen Kopf für seine Brüder hinhalten und als er am Ende einige Monate im Gefängnis verbringen musste, war für die Medien natürlich alles klar. Die Boatengs, alle miteinander, hochkriminell. Für das Buch hat sich Michael Horeni oft mit Jerome und George getroffen, auch mit dem Vater der Beiden sowie mit Freunden und Bekannten. Der Hauptdarsteller jedoch, um den sich viel dreht in dem Buch, fehlt jedoch. Kevin-Prince Boateng wollte dieses Buch nicht und daher hat er auch nicht an den Gesprächen und Interviewrunden teilgenommen. Das aber merkt man in dem Buch nicht, denn Michael Horeni versteht es gut, aus alten Zeitungsberichten und aus Interviews seiner Brüder seinen Weg nachzuzeichnen. Angefangen im Fussballkäfig in Berlin-Wedding, wohin Kevin und George Boateng oft flüchten, da es bei ihnen zu Hause sogenannte „schwierige Verhältnisse“ gibt, bis hin zu seinem Karrierestart bei Hertha BSC Berlin und seiner Zeit, in der er zum Superstar in Italien gereift ist. Kevin-Prince ist seinen Weg gegangen, oftmals mit Schwierigkeiten übersät, hatte er es nicht so einfach wie sein Halbbruder Jerome, der gutbehütet bei seiner Mutter in Charlottenburg aufgewachsen ist. Der aber wiederrum sehnt sich nach seinen Brüdern und nach dem Fussballkäfig in Wedding und so treffen sie sich, dank George, der die Brüder zusammenbringt, oft, ja täglich, beim Fussballspielen in Wedding. Allerdings wird schnell klar, dass die drei zwar eine Einheit sind und alles füreinander tun würden, sie jedoch komplett aus anderen Welten stammen. Die einen aus einem sozial schwächeren Stadtteil, wo sie alles Probleme mitbekommen, die dort herrschen und auf der anderen Seite Jerome, der ohne Sorgen und mit jährlichen Cluburlauben aufwächst und auch einen großen Teil seiner Kindheit mit seinem Vater verbringen kann. Der wiederrum fehlt den beiden anderen und so müssen Kevin-Prince und George ohne männliche Bezugsperson aufwachsen, was die beiden mehr oder weniger gut durchs Leben gehen lässt.

Drei Brüder, zwei Mütter, ein Vater, ein Ziel: Fußballprofi zu werden. George, der älteste, hat es nicht geschafft. Heute züchtet er Hunde und macht Musik. Kevin hat bei der WM 2010 für Ghana gespielt und trumpft nun bei AC Mailand auf. Bei Jérôme, so scheint es, lief alles nach Plan. Er verteidigt für den FC Bayern und die deutsche Nationalmannschaft.Das Buch erzählt vom Aufwachsen in zwei grundverschiedenen Stadtteilen, von Unterstützung und Vernachlässigung in Familie, Schule und Fußballverein, vom Aufstieg im Profifußball bis hin zu den Spitzenklubs und von Integration und Ausgrenzung.

Neben der ganzen Familiengeschichte der Boatengs hat Michael Horeni aber noch ein weiteres großes Thema. Immer wieder kritisiert er seine Journalistenkollegen, die es bis heute schaffen, ganz Deutschland ein komplett falsche Bild der Familie Boateng zu vermitteln. Schlecht recherchierte Storys paaren sich mit absichtlich falsch wiedergegebenen Zitaten. Am Ende sind die Boatengs Gangster und haben eine gemeinsame ghanaische Mutter. Alles Blödsinn, aber für die deutschen Medien passt das besser. Man kann eben Zeitungen besser verkaufen, wenn man sich die Storys so zu Recht biegt wie man sie braucht und wenn man dann noch auf ein paar sehr junge Fussballer trifft, die überhaupt keine Ahnung haben, wie man mit Medien umzugehen hat, dann kommt so etwas dabei heraus. Ein absolut falsches Bild, das bis heute immer mal wieder in den Zeitungen dargestellt wird. Es ist aber auch einfacher, jemanden zum Ghetto-Gangster zu machen als eine Geschichte richtig zu recherchieren und dann einfach das zu schreiben was auch stimmt. Und daher zum Schluß noch einmal, vielleicht erkennt ja in der Zukunft doch der ein oder andere Journalist einen Unterschied: Jerome Boateng hat den gleichen Vater wie George und Kevin-Prince, sie haben unterschiedliche Mütter und nicht 23 verschiedene Väter. Und Nein Jerome Boateng wuchs auch nicht im Ghetto auf, sondern gut behütet mit Cluburlauben und regelmäßig Essen auf dem Tisch. George und Kevin-Prince dagegen haben öfters unter der familiären Situation gelitten und im besten Viertel von Berlin sind sie auch nicht gerade aufgewachsen. Ob man Wedding jetzt aber als Ghetto bezeichnen muss, lasse ich mal dahingestellt. Die beiden sind trotzdem nicht pauschal Gangster sondern waren einfach Jungs, die Dummheiten gemacht haben und die ihre Wut und ihre Trauer über die Scheidung der Eltern irgendwie verarbeiten mussten. Der eine hat das mit Fussball getan, der andere hat zugeschlagen und musste dafür auch büßen. Ob man dafür aber gleich öffentlich die Ausbürgerung von Kevin-Prince Boateng fordern muss oder ob man Jerome Boateng dafür gleich ein Gangster-Image anhängen muss, ist schon mehr als fraglich. Aber Gott sei Dank, der Fussball hat sie gerettet und uns so hoch geschätzte Gesellschaft in Deutschland vor diesen so schlimmen Typen bewahrt…

Was kann ich als Fazit zu dem Buch sagen. Es ist sehr gutes Buch, was Michael Horeni hier geschrieben hat und er zeigt, wie die Boatengs wirklich ticken. Gleichzeitig erklärt er uns auch, dass zwischen einer Weltkarriere und dem Gefägnis manchmal nur Kleinigkeiten liegen und dass aber der familiäre Zusammenhalt trotz Schwierigkeiten einfach alles ist. Lest das Buch und ich garantiere Euch, ihr werdet viel verstehen…

Wertung: 8/10
Seiten: 272
Erscheinungsjahr: 2012
Bezug: Amazon

3 comments

You may also like

3 comments

Hanse 22. August 2012 - 18:29

Klasse Rezension!

Reply
Frittenmeister 23. August 2012 - 10:00

Und als Ergänzung zu den Buch empfiehlt es sich, das Interview mit Kevin-Prince Boateng bei den 11Freunden zu lesen: http://www.11freunde.de/interview/kevin-prince-boateng-im-grossen-11freunde-interview-1

Reply
Bad Berlin | ueberallistesbesser.de 13. November 2014 - 17:21

[…] sondern einige Monate im Gefängnis verbracht haben … Gangsta-Assoziationen sollte man auch nicht übertreiben. Aber der Wedding ist zurzeit eben nicht der Prenzlauer Berg – mit dem ihn die eingangs […]

Reply

Leave a Comment

2 + 2 =