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Satte Helden

by Udo Lindenlaub

Hier schreibt Udo Lindenlaub eine exklusive Kolumne für Fritten, Fussball & Bier. Udo Lindenlaub ist der Autor des wunderbaren Buches „Von Asche zu Asche“.

Neulich habe ich eine Fahrradtour gemacht. Von Bonn nach Zürich in 7 Tagen, immer am Rhein entlang, 8 Stunden täglich. Da kommt man zwangsläufig ans nachdenken, wenn die Gedanken meditativ durch Raum und Zeit schweben. Ein skurriler Kontrapunkt  auf dem Weg durch die Natur war die plötzlich auftauchende Plastikwelt des Europaparks Rust. Hier war doch neulich etwas,  was meine Aufmerksamkeit kurzeitig geweckt hatte, dachte ich: Na klar, fiel es mir sofort wieder ein, mein Kopf ist schließlich eine Lederkugel, das Jubiläumstreffen unserer Weltmeiser von 1990 fand hier unlängst statt. Ich fragte mich, wer wohl die Geschmacklosigkeit besessen haben könnte, ausgerechnet diesen Ort für eine 20-Jahrfeier auszuwählen. Dann rief ich mir die Helden meiner Zivildienst- und Studentenzeit wieder in Erinnerung, durchschweifte die 90er Jahre und dachte an die Recken wie an gute alte Freunde. Schließlich hatten sie mich ein Jahrzehnt lang begleitet. Ich hatte Empfindungen wie bei einem Klassentreffen. Und was ist hier eine vordringliche Neugierde? Na klar, was wohl aus den Personen von damals geworden ist. Ich ging die Namen durch und erschrak ein wenig: Nur zwei Spieler aus dem Kader stehen momentan in vorderster Front und bekleiden Funktionen im Fußball, in der sie in exponierter Position volle Verantwortung tragen und so quasi zur Elite des deutschen Fußballs gehören. Der Rest dümpelt lahm, aber offenkundig  zufrieden durch die Zeitgeschichte:

Klaus Augenthaler scheiterte phlegmatisch und innovationslos in der Bundesliga und trainiert Unterhaching. Hauptsache in der Nähe von München. Thomas Berthold fällt nach einem erfolglosen Intermezzo als Präsident von Fortuna Düsseldorf eigentlich nur noch als kecker Kritiker aus dem Kicker-Kolumnisten-Kreis auf. Andreas Brehme ist, wohl aus Dankbarkeit für den souverän reingewichsten Elfer im Finale, Botschafter des DFB. Für was auch immer. Jürgen Kohler und Guido Buchwald waren mal kurzzeitig Trainer im deutschen Fußballgeschäft, sind aber seitdem nicht mehr vermittelbar, Kohler leidet zudem unter gesundheitlichen Problemen. Pflügler leitet souverän den Bayern-Fanshop, ebenso geistert wohl auch Aumann hauptberuflich durch die Säbener-Straße. Kalle Riedle führt ein Hotel im Allgäu und scheint darin aufzugehen. Im Gegensatz zu Olaf Thon, der sich mehrfach vergeblich als Funktionsträger bei Schalke anbot, um schließlich geknickt aber rhetorisch geschliffen den VfB Hüls zu trainieren. Litti muss nach einer ausgedehnten Weltenbummlerphase bald wohl mit McLaren den Trainerstuhl in Wolfsburg räumen (wenn er ihn nicht selbst kurzfristig beerbt.) Klinsmann revolutionierte mit seinen Ideen von Kalifornien aus mal eben den deutschen Fußball, um dann mit lächerlichen Buddhas auf dem Dach bei Bayern vor die Wand zu fahren. Nun scheint er auf das nächste Projekt zu warten. Lodda mäandert liebestoll in der Weltgeschichte umher, stets nach einem Job in der Bundesliga lefzend, die ihm jedoch beharrlich die kalte Schulter zeigt, zu groß scheint die Gefahr, dem Ego, der Bildzeitungsconnection und dem unstillbaren Selbstdarstellungsbedürfnis des einstigen Weltstars zu unterliegen. Günter Hermann, Paul Steiner, Uwe Bein und Frank Mill sind knöcheltief in der Versenkung. Sie fallen lediglich dadurch auf, dass sie in unregelmäßigen Abständen in der Kicker-Rubrik „Was macht eigentlich …“ auftauchen. Stefan Reuter scheint auf einen Job zu warten. Ich frage mich, wieso sie ihn nicht beim „Club“ gebrauchen können. Andy Möller managt recht erfolgreich die Offenbacher Kickers. Icke trainiert irgendwas in Köln beim FC. Und Bodo Illgner gefällt sich sichtlich darin, sich als feister und saturierter Privatier die Sonne Spaniens auf die Birne ballern zu lassen.

Und dann fand ich die Ausbeute 2 aus 22 einfach zu karg. Na ja, wenigstens Völler und Köpke. Da hatte ich aber wesentlich mehr erwartet. Damals, im Juli 1990 in der lauen Finalnacht von Rom, als man sich inmitten eines Autokorsos auf der Straße tanzend noch etwas komisch vorkam …

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