Home ReviewBuch Jürgen Bertram: Torschrei – Bekenntnisse eines Fußballsüchtigen

Jürgen Bertram: Torschrei – Bekenntnisse eines Fußballsüchtigen

by Frittenmeister

Vor einiger Zeit hat mich das Buch „Torschrei“ von Jürgen Bertram erreicht. Der Untertitel „Bekenntnisse eines Fussballsüchtigen“ hat gleich dafür gesorgt, dass ich ganz schnell angefangen haben, das Buch zu lesen. Wenn ich jetzt aber gestehe, dass ich für diese Rezension über 6 Wochen gebraucht habe, dann erklärt ihr mich für verrückt. Ein Buch eines Fussballsüchtigen, eines Fussballverrückten, da muss es doch was zu erzählen geben. Das kann man doch gut anpreisen oder? Ja, Nein…anscheinend ja nicht! Das liegt aber nicht an der Qualität des Buches, denn die ist ausgezeichnet. Vielmehr liegt es am Stoff, denn der ist teilweise schon schwere Kost.

In Rumkugeln gärt Alkohol, in Mozartkugeln nicht. Wenn ich zehn Rumkugeln verzehre, wird mir zwar übel, aber ich fühle mich auch beschwipst. Wenn ich zehn Mozartkugeln in mich hineinstopfe, wird mir nur übel. (aus dem Buch „Torschrei“ von Jürgen Bertram)

Das Buch Torschrei ist nämlich, wie sich im Laufe des Lesens herausgestellt hat, kein wirkliches Fussballbuch, sondern der Fussball gestaltet nur den Rahmen für die eigentliche Handlung in dem Buch. Oder, eigentlich doch auch wieder nicht. Eigentlich geht es doch immer um Fussball, es geht auch um die Such nach dem runden Leder…und nach Alkohol! Und Ausbrechen will der Autor auch aus seinem konservativen Leben der 50er und 60er Jahre. Wieso er das will, ist auch schnell klar. Sein Vater ist im im Herzen immer noch ein Alt-Nazi, seine Mutter ist depressiv und beendet irgendwann ihr Leben und er selbst kassiert nur Prügel. Und ein Stadionverbot, ja auch das gab es damals schon, wenn auch nur vom totalitären Vater ausgesprochen, hindert ihn trotzdem nicht daran, sich regelmäßig seinen Lieblingsverein, den Goslarer SC, anzuschauen. Aber das geht dann nur unter einigen Sicherheitsvorkehrungen, denn erwischen lassen darf man sich nicht vom Vater. Was dann passieren würde, will man als Leser lieber gar nicht wissen, kriegt man doch schon beim Lesen mit, dass der Autor gewaltig Angst davor gehabt haben muss. Aber findig ist der Knabe trotzdem und reist von da an jedes zweite Wochenende zu Auswärtsspielen seines Vereins, denn da ist die Chance, im Stadion ertappt zu werden, geringer. Und bei den Heimspielen? Da sitzt er dann traurig am Fenster, überlegt sich allerhand Unsinn und lauscht gespannt dem Torschrei aus dem Stadion, den er bei günstig stehenden Wind hören kann. Später schafft er es sogar zu Länderspielen nach Berlin und hier erkennt er endgültig, dass er dem Fussballfieber verfallen ist…

Einem Bus aus Wien entsteigen die ersten österreichischen Fans. Von den Zehen bis zu den Haarspitzen erfasst mich eine hitzige Welle. Es ist das Fussballfieber. (aus dem Buch „Torschrei“ von Jürgen Bertram)

Für uns ist das ganze Buch natürlich anfangs noch etwas merkwürdig. Viel kennen wir nicht aus der Zeit, in der das Buch spielt, vieles ist uns einfach unverständlich, aber schnell ist man drinnen und leidet mit Jürgen Bertram mit. Er hatte es nicht leicht, aber er hat eine Fussballtherapie gemacht und sich dabei irgendwann selbst kuriert. Zuerst schrieb er über Fussball, später über alles und heute hat er eine lange und erfolgreiche Karriere als Journalist hinter sich und kann es sich leisten, schonungslos und ehrlich aus seinem Jugendleben zu erzählen.

Kriegslast und Verdrängung, Aufbruch und Neubeginn prägen das Deutschland der Nachkriegszeit. In einem kleinbürgerlichen Elternhaus wächst ein Fußballfan heran, allein zwischen seinem autoritären Vater und seiner unglücklichen Mutter. Die Leere, die das Familienleben hinterlässt, füllt der Heranwachsende mit seiner Leidenschaft für das runde Leder. Die Geschichte beginnt mit den Bolzplätzen der niedersächsischen Provinz, führt weiter über Tramptouren zu internationalen Arenen und erreicht am Ende das Paradies: die Begegnung des längst Erwachsenen mit seine Idolen. (Klappentext des Buches „Torschrei“ von Jürgen Bertram)

Jürgen Bertram hat ein mutiges und bewegendes Buch geschrieben. Er erzählt auch einer Zeit, von der die meisten von uns nichts wissen.  Schonungslos ehrlich gesteht er seine Sucht nach Fussball, Alkohol und noch mehr Alkohol. Schonungslos ehrlich erzählt er, wie er in einer Zeit Erwachsen wurde, als man es als Kind noch nicht leicht hatte. Verdammt gut geschrieben, jedoch hätte man nicht wirklich das Thema Fussball in dem Buch gebraucht, denn das Buch ist eigentlich kein Buch, was man im Buchladen unter der Kagetorie Fussballbuch erwarten würde. Es geht um eine längst vergangene Zeit und es geht um den Autor, der trotz vieler Schwierigkeiten und trotz eines gewissen Suchtpotentials Erwachsen wird. Tja, anders zusammengefaßt: Etwas weniger Fussball hätte in meinen Augen dem Buch auch gut getan. Das aber soll Euch nicht davon abhalten, das Buch zu kaufen. Das Buch ist klasse geschrieben, schonungslos ehrlich und nicht nur für jeden eine Empfehlung, der „Toddos“ Brandt, die Torwartlegende des SV Viktoria Bad Grund, kennt…

Wertung: 7/10

Seiten: 255

Erscheinungsjahr: 2011

Bezug: Amazon

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Deutsche Akademie für Fußball-Kultur 29. August 2011 - 12:15

„Torschrei“ ist auch zum Fußballbuch des Jahres nominiert: hier findet Ihr eine weitere Rezension http://www.fussball-kultur.org/fussball-kulturpreis/neues-vom-fussball-kulturpreis/news/torschrei-bekenntnisse-eines-fussballsuechtigen.html

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