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Im Endstadium

by Udo Lindenlaub

Hier schreibt Udo Lindenlaub eine exklusive Kolumne für Fritten, Fussball & Bier. Udo Lindenlaub ist der Autor des wunderbaren Buches „Von Asche zu Asche“.

Kennen sie auch die einzigartige Empfindung, die sich jetzt zum Saisonfinale einstellt? Das besondere Gefühl der letzten Spieltage, an denen die Entscheidungen oben wie unten anstehen und Alles begleitet wird vom süßlichen Akkord des Frühlingserwachens? Bei jedem Spiel liegt eine besonders verdichtete Atmosphäre der Spannung in der Luft. Jeder verdammte Samstagnachmittag seit August scheint seine einzige Bestimmung darin gehabt zu haben, langsam, aber stetig diesen Zustand aufzubauen.

Als Club-Fan bin ich heuer in der fast einmaligen Lage, den Nicht-Abstieg so früh wie selten als mathematisch wasserdicht betrachten zu dürfen. In aller Ehrfurcht betrachte ich das als einmaligen statistischen Ausreißer nach oben und genieße den Moment. Dadurch fühle ich mich nun in der erhabenen Position des neutralen Beobachters und kann meine Sympathien frei verteilen.

Unter der Woche vertieft man sich unweigerlich in die Restprogramme, lernt sie auswendig, spekuliert, verwirft, verfolgt die Linien bis zur magischen 34 und berechnet die Wahrscheinlichkeiten. Man zieht die immer stärker zu Tage tretende nervliche Komponente in seine Überlegungen hinzu und vergleicht diese vielleicht sogar mit ähnlichen Konstellationen aus der eigenen bescheidenen Kickerkarriere.

Und dann kommen die letzten beiden Spieltage mit allen neun Spielen am Samstagnachmittag in einer Konferenz, die 180 kurzweiligsten Minuten des ganzen Jahres. Der Aufschrei der Reporter: „Tor in …“  lässt den Blutdruck stoppen und gleichzeitig in die Höhe treiben. Der Atem friert ein. Dann erfolgt der Wechsel ins andere Stadion, akustisch begleitet von einem langgezogenen  „Wuuuuusch.“   Man schaut in eine jubelnde Fankurve oder betretende Trainerminen und muss anhand dieses ersten Bildes binnen Nanosekunden intuitiv entscheiden, für wen das Tor denn nun gefallen ist, bevor es in der Zeitlupe gezeigt wird oder uns der Reporter verbal aufklärt. Wenn in neun Spielen im Schnitt vier Tore fallen, ist das fast alle zweieinhalb Minuten ein solcher Torschrei. Vielfach entpuppt es sich jedoch als perfides Täuschungsmanöver: In einem Spiel aus der Bedeutungslosigkeit der Tabellenmitte, welches für gewöhnlich dank losgelöster taktischer Fesseln 5:4 ausgeht, ist gerade das 3:3 gefallen: „Alles halb so wild.“ Meist platzt dem Spieltagsregisseur so ab der 65 Minute dennoch der  Kragen: Es wird nur noch von den Plätzen mit wahrhaft wichtigen Entscheidungen berichtet, der Kleinkram gänzlich ausgeblendet.

Besonders intensiv erlebt man diese Phase in einem geraden Jahr: Denn weit und breit ist keine WM geschweige denn eine EM in Sicht, die sich gedanklich schon mal begleitend in die letzten Spieltage einnisten könnte. Damit pocht penetrant der ständig mitschwingende Gedanke im Hinterkopf, dass die Samstagnachmittage bis August inhaltslos von Statten gehen werden. Ja nicht einmal ein Methadonprogramm wie etwa Olympische Spiele bieten sich als Behelfskonstruktion an: Der momentane Rausch der Ereignisse trägt schon die Saat eines langen, einsamen und beharrlichen Katers mit. Bis uns irgendwann im August der emotional einzigartige Zustand der ersten Spieltage erreicht: Mit seiner Ungewissheit, mit den Unwägbarkeiten, mit den ganzen Neuheiten der Kaderkonstellationen, mit den neuen Gesichtern, mit den ganzen Saisonspekulationen …

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