Home int. Meisterschaften Die französische Reklamation – Vom vorläufigen Ende des französischen Multikulti-Traums

Die französische Reklamation – Vom vorläufigen Ende des französischen Multikulti-Traums

by Frittenmeister

Hier schreibt Udo Lindenlaub eine exklusive Kolumne für Fritten, Fussball & Bier. Udo Lindenlaub ist der Autor des wunderbaren Buches „Von Asche zu Asche„.

„Die Schotten sind immer schon vor ihren eigenen Postkarten wieder zu Hause!“

Seitdem Berti Vogts die Hearts systematisch herunterwirtschaftete, dürfen sie nicht mehr den Beweis dieser Mohren`schen These antreten. Für das neutrale, vom unfairen Handspiel Henrys gegen Irland arg gebeutelte Fußballerherz besteht jedoch die zynische Hoffnung, dass die Franzosen im Lagerkoller rege Schreibwut entwickelten, sodass sie gezwungen sind, ihre eigenen Grüße selbst in Empfang zu nehmen. Insbesondere dem Rotzbengel Anelka wünscht man einen turmhohen Stapel, wobei sich die Anzahl seiner Freunde im überschaubaren Rahmen halten dürfte. Das flegelhafte Verhalten des Egozentrikers zeigt ein Grundproblem der Equipe: Es ist eine Ansammlung respektloser Individualisten, die nur eins gemeinsam haben: Den Hass auf den ungeliebten, kauzigen Trainer, gegen dessen Sympathiewerte in der Grand Nation selbst ebenjener Berti Vogts hierzulande ein Volksheld war.

Wurde im 98er Titeltaumel die Nachwuchsförderung mit der Integration unterschiedlicher Nationalitäten noch als zukunftsweisend bezeichnet, scheint das Multikulti-Konzept nun kläglich gescheitert. Dabei ist die Ausbildung in den Nachwuchszentren nach wie vor hervorragend. Der Unterschied zur heutigen Generation bestand jedoch darin, dass es damals mit Blanc, Desailly und Dechamps drei strategisch denkende Alphatiere gab, die den Laden zusammenhielten und die verschiedenen Strömungen zu bündeln wussten. Die heutige Elf ist größtenteils nicht in der Lage zur emotionalen Impulskontrolle. Ein Mitspieler wird dem Vernehmen nach geschnitten, weil er bisweilen Bücher liest. So entstanden aus einem farbenfrohen Multikulti mehrere Subkulturen – unfähig zur Fokussierung auf den Moment, verhärmt im Umgang miteinander, erbärmlich leblos auf dem Platz.

Die Unverfrorenheit gipfelte darin, dass sich die Mannschaft über die plumpe Petze echauffiert – und nicht über die Beleidigungen Anlekas an sich. Dieser wird schlussendlich sogar noch von seinem Berater in Schutz genommen, da er anderen Trainern gegenüber bisher nicht unflätig geworden sei. Somit sei eigentlich Domenech schuld an den Beschimpfungen. Als ob ein 32jähriger Mann nicht der Herr über seine Worte wäre. Und die fast schon kabarettistischen Kapriolen im Quartier Togos bei der letzen WM wirken im Vergleich zu den Mitteleuropäern wie Zustände auf einem Kasernenhof.

2 comments

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2 comments

Frittenmeister 25. Juni 2010 - 12:07

Fantastisch, Herr Lindenlaub! Genau auf den Punkt gebracht!

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Wacker Fan 25. Juni 2010 - 20:46

Schöne Analyse!

Anelka hat ja als „Bestrafung“ bei Chelsea gleich nen neuen Vertrag unterschrieben.

Andererseits: Ist es nicht einfach logische Konsequenz der Entwicklungen im Profifussball? Dieser fokussiert sich immer mehr auf Individualisten, und wenn es dann bei nicht gewachsenen Hierarchien (die sich im Vereinsfussball im Gegensatz zur National11 zwangsläufig entwickeln) darum geht, sich für kurze Zeit mal ein- oder gar unterzuordnen, scheitern viele an ihrem Charakter/Einstellung. Traurig.

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