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Continentaldrift

by Udo Lindenlaub

Hier schreibt Udo Lindenlaub eine exklusive Kolumne für Fritten, Fussball & Bier. Udo Lindenlaub ist der Autor des wunderbaren Buches „Von Asche zu Asche“.

Glaubt man der aktuellen Berichterstattung, scheinen sich bei dieser WM gewaltige Qualitätsverschiebungen vollzogen zu haben. Es wird vielfach hervorgehoben, dass der südamerikanische Fußball an Dominanz gewonnen hat. Demgegenüber habe Europa seine Vormachtstellung eingebüßt. Festgemacht wird diese These daran, dass sich alle fünf Teilnehmer für das Achtelfinale qualifiziert haben, während europäische Favoriten vorzeitig zum Flughafen mussten (was im Falle der bräsigen Italiener und Franzosen niemanden ernsthaft erschüttern sollte).

Aus der aktuellen Gemengelage ergeben sich schon die ersten Ränkespiele für die Startplatzvergabe bei den nächsten Turnieren. Diego Forlan fordert forsch einen fünften Startplatz für die WM in Brasilien. Der gewiefte Taktierer Blatter hat ja schon eine erneute Kandidatur angedroht und wird sich sein Stimmvieh mit Versprechungen – gewohnt hinterrücks – erdteilweise zusammentreiben.

Nun hat die Spielplanarithmetik sicherlich dazu geführt, das sich die Europäer gegenseitig eliminierten, gleichzeitig vermochten die südamerikanischen Schwellenländer Chile und Uruguay den neutralen Beobachter zu erfrischen, während Paraguay irgendwie immer schon im Achtelfinale war und eine Viertelfinalteilnahme von Argentinien und Brasilien wahrlich keine Überraschung darstellt. Somit lenkt die Zusammensetzung des Viertelfinales den Blick auf das eigentliche Problem:

Dass Afrika von vorne mit sechs Plätzen gesegnet war und Uruguay erst in der Verlängerung gegen Costa Rica einen fünften erkämpfte ist schlichtweg eine himmelschreiende Ungerechtigkeit und auch nicht mit der höheren Anzahl der Mitgliedsländer zu rechtfertigen. Bis dato zwei afrikanische Viertelfinalteilnahmen in der WM-Historie stehen 9 südamerikanische Weltmeistertitel gegenüber. Dieser Verteilungsschlüssel ist eine Altlast aus der Zeit, in der Blatter seine Präsidentschaft mit seiner kalkulierten Sympathie für den schwarzen Kontinent ergaunerte. Er gehört dringend reformiert. Die Darbietungen bei dieser WM unterstützen diese These: Algerien, Nigeria, Kamerun, Südafrika und die Elfenbeinküste waren trotz Heimvorteil chancenlos. Dabei seien, folgt man den skurrilen Selbsteinschätzungen, in der Regel die ausländischen Trainer schuld, die sich nicht auf die afrikanische Mentalität einlassen können. Und keiner hat den Mut auszusprechen, was wirklich der Grund ist: Es fehlte in der Summe schlicht an Qualität, es kommt zudem immer wieder zu hanebüchenen Auswüchsen, die einer WM nicht würdig sind, wie nun der nigerianische Despot eindrucksvoll demonstriert, indem er einen ganzen Fußballverband für zwei Jahre zu sperren gedenkt. Somit bleibt nur ein Schluss: Diego Forlan hat recht: Südamerika, deren Teams sich in Südafrika scheinbar mühelos auf die für sie bekannten Höhenverhältnisse einstellen konnten, bedarf eines festen fünften Startplatzes zu Ungunsten Afrikas.

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