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Phrasendrescherei

by Udo Lindenlaub

Hier schreibt Udo Lindenlaub eine exklusive Kolumne für Fritten, Fussball & Bier. Udo Lindenlaub ist der Autor des wunderbaren Buches „Von Asche zu Asche“.

Die ersten Bundesligaspieltage bieten stets eine hervorragende Bühne für kecke Kiebitze eines sich alljährlich wiederholendes Schauspiels: Das der ewig gleichen Erklärungsmuster. So verhackstücken aus den Startlöchern getaumelte Trainer aus den Tiefen des Tabellenkellers folgende Textbausteine zu vielfach erprobten Ausflüchte:

Nomen: Automatismen, Laufwege, Umbruch, Neuzugänge, System, Abstimmung, Mannschaftteile, Herbst,

Verben: funktionieren, integrieren, dauern, abstimmen, einspielen, vollziehen

Adverbien, Quantoren, Sonstige: noch, nicht, bald, wenig, erst,

Gleichzeitig grüßen die siegreichen Übungsleiter bei identischer Anzahl von Neuzugängen und gleicher Vorbereitungszeit von oben und modifizieren lediglich letztere Wortgruppe hin zum Positiven.

Gipfel des rhetorischen Offenbarungseides in diesen Zeiten ist jedoch ein Satz, der so offensichtlich vor Inhaltlosigkeit strotzt, dass er es noch nicht einmal in eine Neujahrsansprache des Bundeskanzlers schaffen würde. Dieser Satz ist indiskutabel frech, weil er sich noch nicht einmal bemüht, irgendwie subtil zu wirken. Er vereinigt in sich die ganze Hilflosigkeit beim Umgang mit den eigenen Versäumnissen und er temporären Abhängigkeit von Zufall und Glück im Fußball. Beispiel gefällig? Da weiß eine Mannschaft wie Wolfsburg seit dem verhinderten Abstieg spätestens Anfang März der vergangenen Saison, dass sie im August an drei aufeinanderfolgenden Samstagen um 15:30 Bundesligafußball spielen wird. Und was passiert? Man spielt einen Haufen Mist, hat ein bisschen Pech im ersten Spiel, verliert wichtige Zweikämpfe, spielt ohne Leidenschaft , bricht nach 60 Minuten konditionell zusammen, man versteht den Trainer rein sprachlich nicht, man reißt ohne Not ein überaus erfolgreiches Sturmduo auseinander.

Und was hört man von den Verantwortlichen mit der schalen Eloquenz eines aalglatten Rhetorikseminars?

„Wir haben den Rhythmus noch nicht gefunden!“

Für diesen Satz sollte es wegen Impertinenz empfindliche Punktabzüge geben! Nochmal stenografisch zusammengefasst: „Den Rhythmus nicht gefunden.“ Eine Profimannschaft. Unter Leistungssportbedingungen. Nach 7 Wochen Vorbereitung. In voller Kenntnis des Spielplans. Lächerlich! Wie van Almsick nach dem vollkommen vergeigten Olympiafinale von Athen: „Das Wasser nicht gefühlt.“ Nach 20 Jahren Profisport mit 4-6 Stunden Schwimmen täglich. Dann das Wasser nicht gefühlt.

Ich muss jetzt aufhören. Vor lauter Fassungslosigkeit spüre ich die Tasten nicht mehr.

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