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60 Sekunden für Gesundheit und Beziehung

by Jan-Mikael Teuner

Aus der Reihe: Jan-Mikael hat sich Gedanken gemacht…

Jürgen Klopp legte jüngst wieder den Finger in die Wunde, als es um die Spieltagsplanung des englischen Verbands FA ging. Die Spieler seien überspielt, verletzten sich öfter, und überhaupt, fragte er, wer wolle sich von 13 Uhr bis Mitternacht einen gesamten Spieltag anschauen. Das sei ohnehin Gift für jede Beziehung.

Wenn ich mich im Bekanntenkreis umschaue, gibt es tatsächlich einige solcher Fußball-Binger – mit funktionierender Beziehung und/oder beruflichem Hintergrund eingeschlossen. Ich erinnere mich an eine Aussage von Max Ost vom Rasenfunk, und man möge mir den nicht ganz exakten Wortlaut nachsehen, dass er für die Analysen seines Schlusskonferenz-Podcasts regelmäßig sieben Spiele eines Bundesliga-Spieltags (teilweise im Re-Live) komplett anschaut.

Solche Sonderfälle sind wohl eher selten. Die Masse hält es eher wie die Serien-Binger, die sich Staffel um Staffel einer Serie reinziehen und Netflix so zu weltweitem Erfolg verholfen hat. Der Fernseher, respektive der Laptop, respektive das Pad, bleibt eben das Lagerfeuer der Gegenwart. Es braucht nur entfacht zu werden und schon sitzen die Menschen davor. Oder wie ist sonst der Erfolg der Dart-WM (ja, ich schaue es auch) ausgerechnet in der fußballfreien Zeit zu erklären?

Jürgen Klopp hat zweifelsohne recht. Die Anzahl der Spiele sollte in Hinblick auf die Gesundheit der Spieler zurückgefahren werden, denn genügend Menschen werden die Spiele schauen – genauso wie genügend Menschen die Champions League über Amazon, das Freitagsspiel bei DAZN und die EM im Magenta-Stream schauen werden. Das geht vermutlich soweit, bis sich eines Tages die Sender die Übetragungsrechte einzelner Spieler gesichert haben. Dann läuft das Messi-Dribbling bei einem Anbieter, ehe man für den Ronaldo-Freistoß den Stream wechseln muss. Dort gibt es das bevorstehende Spielereignis freilich erst nach der einer Werbeunterbrechung. Das ist praktisch. So hat man immerhin genügend Zeit zum Umschalten.

Eine Lösung wäre ein Anbieter, der alle Angebote unter sich vereint, so dass der Fan wieder einen festen Betrag zahlt und nicht alle Wechselei mitmachen muss. Aber würde sich ein solches Modell tragen, bei dem man nur noch das bezahlt, was man wirklich sehen will? Vielleicht würde es zumindest die Entscheidung erleichtern, einige Spiele nicht zu schauen – alleine schon um den Geldbeutel zu schonen.

Dieser Tage sorgt da ausgerechnet die FA selbst für eine unfreiwillige Hilfestellung. Die Heads-Up-Kampagne mit dem Hinweis auf psychische Erkrankungen ist eine gute Initiative und so werden an diesem Wochenende die Spiele des FA-Cups mit 60 Sekunden Verzögerung angepfiffen. Los geht die dritte Runde diesen Samstag also erst um 13.01 Uhr. Die weitere Partien folgen um 16.01 Uhr und 18.31 Uhr, am Sonntag um 15.01 Uhr, 17.01 Uhr und 19.16 Uhr, sowie Montag um 20.56 Uhr.

Diese 60 Sekunden ermöglichen auch, sich über das eine oder andere Gedanken zu machen und vor dem Anstoß den Fernseher direkt wieder auszuschalten. Schließlich möchte man am Ende des Tages ungern alleine vor dem Lagerfeuer sitzen und gute Beziehungen sind der Gesundheit noch immer zuträglich gewesen.

 

Hier schreibt Jan-Mikael Teuner, Buchautor von Kunibert Eder, dem Hobbyermittler mit dem in Verdachtsmomenten kitzelnden Schnurrbart. Sein erster Fall führt „Uns Kuno“ in die Fußball-Kreisklasse.

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