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Mein Fever Pitch – zu Gast bei Arsenal London

by Mark Scheppert

Hier schreibt Mark Scheppert eine Kolumne oder sagen wir mal seine Erlebnisse für Fritten, Fussball & Bier auf. Mark Scheppert ist der Autor der wunderbaren Bücher „90 Minuten Südamerika“ und „Mauergewinner“ und ist im Netz unter www.markscheppert.de zu finden. 

An den Sommer 2011 erinnere ich mich vor allem, da in jenen Tagen die ersten Reaktionen zu meinem neuen Buch „90 Minuten Südamerika“ eingingen. Es gab etliche positive Besprechungen, wie die bei „Fritten, Fussball & Bier“ und in der Juli-Ausgabe von „11Freunde“. Natürlich wurde auch Kritik geäußert („zu viel Suff“ in den Geschichten), doch besonders über die kleinen, unerwarteten Rückmeldungen habe ich mich sehr gefreut.

Eine Leserin namens Tina schrieb mir beispielsweise einen langen, sehr rührenden Brief, wie sie die Fußball-WM 2006 erlebt hatte und ein Achim teilte mir per E-Mail mit, dass in meinen Buch 123 Mal das Wort „Bier“ und 13 Mal „Cerveza“ auftaucht, was ihn jedoch nicht gleich zum Alkoholiker hat werden lassen. Auch bei „amazon.de“ waren interessante Rezensionen zu finden. Dort behauptete jemand sogar, dass mein Buch vielleicht die deutsche Antwort auf Nick Hornbys „Fever Pitch“ wäre.

Das war natürlich großer Quatsch, da es das beste Fußballbuch aller Zeiten ist und meines sicherlich nicht. Dennoch passte der Zeitpunkt der Rezension ganz gut, denn ich war 2011 in London gewesen und hatte dort ARSENAL erstmals live erlebt. Also jenen Verein, den sich Nick Hornby in seiner Kindheit nicht ausgesucht hatte, sondern der ihm schlichtweg gegeben wurde. Hier ein kurzer Spielbericht der Partie FC Arsenal London gegen Blackburn Rovers FC:

Voller Vorfreude machen wir uns am Samstag gegen 14 Uhr auf den Weg. Nach dem – gefühlt – 125igsten Vorglüh-Bier schleppt uns Göte in ein Lokal mit typisch englischem Namen: „Zeitgeist“. Ich weiß zwar, dass wir hier die Bundesligakonferenz glotzen werden, doch zu meinem Erstaunen ist der Pub bis auf den letzten Platz mit Deutschen aus allen Ecken unseres Landes gefüllt, die lautstark ihr jeweiliges Bundesligateam anfeuern. Etliche Krombacher und drei Schnitzel später – wir sehen eine grandiose zweite Halbzeit der Dortmunder gegen Hannover (4:1) – machen wir uns schleunigst auf den Weg mit der Victoria Line nach Highbury & Islington.

 

In der Metro schlafe ich kurz ein und träume: „Highbury“ – welch klangvoller Name, das alte Stadion mit seinen wunderschönen Art-déco-Tribünen und den Jacob-Epstein-Statuetten auf denen verbitterte alte Männer auf Arsenals Westtribünen ununterbrochen „Wichser“ und „Fotze“ brüllen. Die stimmgewaltigen Fans auf der Nordtribüne mit ihrer riesigen Ausdehnung grauer Treppen und metallener Wellenbrecher. Der Lärm, die Gesänge und die Bewegungen auf der Tribünen, wenn die Fans nach einem Tor, wie ein gigantischer reagierender Körper, hin- und zurückgeschleudert werden. Die Kämpfe und der „Roar“ aus dem „Clock-End“, wo die Gegner stehen und das von Arsenal-Fans ritualisiert gestürmt wird, bis die Polizei einschreitet. Fußballnachmittage an denen es schüttet und alle bis auf die Haut durchnässt sind, vor Schmerzen zittern und dennoch am nächsten Spieltag frohen Mutes wieder kommen. So ähnlich hatte ich es bei Nick Hornby einst gelesen und wache wieder auf.

Doch als wir aus der Metro treten, begegnen uns keine harten Jungs aus Finsbury Park und Holloway mit Glatzen und Doc-Martens-Stiefeln, keine Leute bewaffnet mit diversen Schlagutensilien und halbleeren Bierflaschen. Es gibt auch keine Familienausflüge von Vater und Sohn, die an einer Bude vor dem Spiel noch ne Portion „Fish & Chips“ futtern. Die Leute scheinen tatsächlich, wie Matthew Bazell das in „The People’s Game beschrieben hatte, aus einer reichen Mittelschicht zu kommen, sind um die 40 und weiß. Hey, auf Göte, Jenna und mich trifft das ja mittlerweile auch irgendwie zu. Einige Menschen die zum Stadion strömen, tragen sogar Hemden unter Jacketts und fast alle drücken ihr iPhone oder BlackBerry ans Ohr.

Hatte ich zunächst noch Befürchtungen, dass wir hier irgendwie auffallen und uns hasserfüllte, zahnlose Engländer mit mehrfach gebrochener Nase als Deutsche entlarven würden, frage ich mich nun, ob man nicht sogar mit dem Adler-Trikot die Straße unbehelligt entlang wanken könnte. Im Gegensatz zu den Arsenal-Fans scheinen wir die einzigen zu sein, die bereits „einen im Tee“ haben. Viele sehen so aus als gingen sie gleich zu einer Operettenaufführung.

Ich bin erst das zweite Mal in London und so kann ich nicht einschätzen, was für eine Wohngegend das hier ist. Arm scheinen die Leute jedenfalls nicht zu sein und im Pub kostet das Bier genauso viel wie in der Innenstadt. Natürlich brauchen wir noch einen Pint ohne Blume, da Göte nicht wusste, ob im Emirates Stadium überhaupt noch den Gerstensaft ausgeschenkt wird. Dass man nicht Rauchen dürfe, wissen wir bereits. Jenna qualmt in der letzten Stunde vor dem Spiel eine halbe Schachtel rote Marlboro Kette.

Wir stellen fest, dass die Arsenalkneipe immer voller wird. Etliche Anhänger, die sich die ungeheuerlichen Eintrittspreise nicht leisten können, versammeln sich hier. „Endlich normale Leute“, denke ich laut. Doch wir haben ja Tickets und eilen die Straße hinunter und biegen nach rechts in eine Straße ein. Erstmals erblicken wir die roten Neonbuchstaben „Emirates Stadium“. Es ist das zweitgrößte Stadion der Premier League und dem „Estadio da Luz“ in Lissabon nachempfunden. Da das Spiel gleich beginnt, habe kaum Zeit, den 600 Millionen Palast zu bestaunen, denn „Highbury“ hin oder her – das Monster aus Glas und Beton sieht schon cool aus.

„Emirates Airlines“ hatte sich an der Baufinanzierung beteiligt und die Namensrechte des Stadions für 15 Jahre gesichert. Dennoch nennen die echten „Gooners“ ihren neuen Fußballtempel trotzig „Ashburten Grove“, nach dem Ort wo er steht.

An den Wänden hängen riesige Transparente mit den Bildern früherer Arsenal-Götter. Nur Dennis Bergkamp kann ich schnell knipsen und renne dann los, um meine Jungs nicht zu verlieren.

Wir sind Kategorie C – ich meine damit unseren Block im Unterrang – doch obwohl wir uns in der „Stehplatzkurve“ befinden – die Fans stehen mit dem Rücken an die hochgeklappte Sitzbank gelehnt – ahne ich langsam, warum Supporter anderer Teams oftmals von “Highbury the Library“ (Bücherhalle Highbury) sprachen und nun “Emirates the Mortuary” (Leichenhalle Emirates) besingen. Die Leute um uns herum sind beängstigend leise – fast stumm. 17.30 Uhr, das Spiel beginnt…

Was gehört laut Nick Hornby zu einer denkwürdigen Partie?

1. Tore (so viele wie irgendwie möglich)
Das Spiel ist derart beschissen und endet folgerichtig mit 0:0.

2. Eine empörend schlechte Schiedsrichterleistung
Der Schiri ist mit Abstand der beste Mann auf dem Platz

3. Eine lautstarke Zuschauermenge
Wie die Atmosphäre in einer Leichenhalle eben so ist

4. Regen, ein glitschiger Boden
Wir haben 18 Grad, es ist leicht bedeckt, aber größtenteils sonnig

5. Der Gegner vergibt einen Elfer
Das ist leider auch nur Wunschdenken

6. Ein Spieler des gegnerischen Teams sieht Rot
Erster Treffer: Einer von Blackburn fliegt gegen Ende vom Platz

7. Irgendeinen unangenehmen Zwischenfall, Dummheit, Schande
Fehlanzeige – nicht mal Jens Lehmann wird eingewechselt und stellt was Blödes an

Zusammen mit 60.084 Zuschauern sehen wir also eine Partie, der ich nur einen von sieben Punkten – laut der „Hornbyschen Regel“ – geben kann.

Aber irgendwie, ich weiß nicht – vielleicht weil es in der Pause dann doch noch schales Bier gab, oder weil Jenna den kleinen Handball, der von den Zuschauern zur Belustigung im Stadion herumgeworfen wurde, knapp vor meinem Kopf gefangen hatte, oder weil die beiden ollen Opas in unserer Nähe unerwartet oft „Wichser“, „Fotze“ und „Seid ihr bescheuert oder was“ gebrüllt hatten, ohne dafür von Oberordnern ermahnt zu werden – es war trotzdem geil.

Arsenal hatte als Zweitplatzierter soeben wieder einmal alle Chancen vergeigt, Meister zu werden und ich musste an einen der letzten Sätze in „Fever Pitch“ denken: „Deshalb begann ich mich wieder wohl zu fühlen, als die Saison sich in nichts auflöste, Highbury einmal mehr zur Heimat unzufriedener Spieler und unglücklicher Fans wurde und die Zukunft derart trostlos auszusehen begann, dass es unmöglich war, sich daran zu erinnern, warum man ursprünglich gedacht hatte, sie würde strahlend sein.“

Auf dem Weg zur Metrostation „Arsenal“ – Jenna raucht bereits seine dritte rote Marlboro – erklärt mir Göte zum wiederholten Male, warum fast jeder in England Arsenal hasst. Doch ich bin ihm unendlich dankbar, dass wir soeben dieses Match gesehen hatten. Ich hatte mir den Verein nicht ausgesucht und er wurde mir heute auch nicht gegeben, doch ich war endlich einmal bei dem Team und seinen Fans gewesen, über welches das beste Fußballbuch aller Zeiten geschrieben wurde!

Im Buch „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams bemerkt der Barmann vom „Horse and Groom“ angesichts des drohenden Weltuntergangs übrigens: „Glück für Arsenal, wenn’s stimmt.

Zum Weiterlesen besucht ihr doch mal die Autorenseite oder kauft Euch sein Buch „90 Minuten Südamerika“ (ISBN 3842353367)

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