Home Kultclub Die Atomdebatte in der Bundesliga…

Die Atomdebatte in der Bundesliga…

by Frittenmeister

Während in der breiten Öffentlichkeit die Atomdebatte langsam wieder in die zweite oder sogar dritte Reihe zurückrutscht und die aktuelle Regierung damit genau das erreicht, was sie vermutlich auch erreichen wollten, gibt es beim 1. FC Nürnberg weiterhin Diskussionen und Mahnwachen vor der Geschäftsstelle. Ja, seit der Katastrophe in Fukushima / Japan ist das Thema Atom allgegenwärtig und nicht weil man ein Atomkraftwerk neben dem Stadion stehen hat, sondern weil man seine Kassen durch den Sponsor Areva NP (Nuklear Power) aufbessert. Der französische Industriekonzern ist Weltmarktführer im Bereich Nukleartechnik und baut damit weltweit Atomkraftwerke und kümmert sich um die Aufbereitung und Entsorgung von nuklearem Material. In diesen Tagen ist das ein sensibles Geschäftsfeld und beim Club hat man mit großem Schrecken festgestellt, dass der Sponsor doch ein klein wenig von seinem neuen negativen Image auf den Verein abwirft. Was aber soll man tun, Verträge kann man nicht einfach so kündigen, das Geld braucht man auch und überhaupt war das ja gestern noch nicht so das große Problem. Eine Lösung haben die Vereinsverantwortlichen trotzdem nicht parat und deswegen hilft erst einmal die bei schon allen Vereinen altbewährte Methode: Aussitzen und Schweigen!

Der Club begibt sich in gefährliches Fahrwasser. Club und Atom – das passt nicht zusammen. (Peter Mühlenbrock vom Energiewendebündnis Nürnberg)

Der Sponsor, der jährlich 1,9 Millionen Euro für die Trikotwerbung an den 1. FC Nürnberg überweist, hat seine Deutschland-Zentrale direkt links neben Nürnberg im schönen ruhigen Erlangen und für die Clubführung war das beim Vertragsabschluss so ziemlich das wichtigste Argument. Ein Sponsor mit regionalem Bezug, der sich mit dem Verein und mit der Bevölkerung identifiziert, wann hat man so etwas schon? Nicht sonderlich oft und daher haben die Vereinsbosse trotz aller Bedenken beide Auge beim Vertragsabschluss zugedrückt. Ob das ethisch gesehen irgendwann mal Probleme machen könnte war schlicht und einfach egal. Ein Sponsor, bei dem schon seit vielen Jahren bekannt ist, dass er es nicht immer so genau nimmt mit der Sicherheit und mit Umweltbedenken – was aber wie wir jetzt wissen, schlimme Folgen haben kann. Wer sich intensiver über Areva und seine Skandale informieren möchte, kann gerne mal auf Wikipedia weiterlesen, ich will dies an dieser Stelle nicht so detailreich darstellen…

Der Club jedenfalls hat nicht nur mit der Mahnwache vor seiner Geschäftsstelle und mit den Anfeindungen der Umweltschützer zu leben, sondern auch mit einem öffentlichen Brief des Nürnberger Energiewendebündnis, der Mütter gegen Atomkraft und von Greenpeace Nürnberg. Dort wird der FCN natürlich wieder angegriffen, die Vereinssatzung zerpflückt und öffentlich aufgefordert, den Sponsor fallen zu lassen.

Mit Areva haben Sie sich – sicher nicht gezielt, aber doch billigend – entschieden, in dieser Diskussion Partei zu ergreifen. Der 1.FC Nürnberg macht nicht nur Werbung für den französischen Energiekonzern, sondern auch für die nicht verantwortbare Atomtechnologie.

(…)

Damit verstoßen Sie gegen die Satzung des 1.FC Nürnberg. In §2 Vereinszweck heißt es „Der Verein ist politisch, rassisch und konfessionell neutral.

(Auszüge aus dem offenen Brief des Nürnberger Energiewendebündnis, der Mütter gegen Atomkraft und von Greenpeace Nürnberg an den 1. FC Nürnberg)

Tja, was nun? Handelt der Club damit politisch? Ich persönlich sage NEIN! Würde man ihm das Streben nach Geld als eine politische Aussage auslegen, dann könnte man ja bald überall wo man nur will, eine politische Aussage reininterpretieren. Hier ging es nur ums Geld, um nichts anderes. Nicht um Politik, nicht um die Natur, nicht um Menschenleben, nur ums Geld. Da machen es sich die verschiedenen Umweltverbände zu einfach mit ihrer „politischen Schiene“…aber irgendwo müssen sie ja anfangen, das verstehen alle und daher ist es auch in Ordnung, wenn sie einfach mal nur darüber reden wollen.

Wir erwarten, dass der Vorstand sich der öffentlichen Diskussion stellt. (Helmut Rießbeck von der Organisation „Internationale Ärzte für die Verhütung von Atomkrieg“)

Nun, der Vorstand des 1. FC Nürnberg hat auf die Forderungen nach einer öffentlichen Diskussion bisher nicht reagiert, was den Umweltverbänden natürlich doch etwas sauer aufstößt. Wie kann man auch nur die Umweltschützer nicht ernst nehmen. Das ist ein Sakrileg, ein Unding, eine Unverschämtheit und was weiß ich noch alles. Uns stört das nicht weiter, denn wir wollen ja sowieso nicht wissen, was die Vereinsführung von ihrem Sponsor denkt, sondern wir wollen wissen, was die Fans denken. Dazu haben wir den Autoren vom Nürnberg-Fanclub und -blog Clubfans United in einer lustigen kleinen Runde ein paar Fragen gestellt und dabei sind ein paar interessante Antworten und Aussagen herausgekommen. Lest doch mal selbst, was Stefan und Alexander von Clubfans United zu sagen haben:

Fritten, Fussball & Bier: Es gibt ja Mahnwachen vor der Geschäftsstelle, kleine Protestaktionen usw. Wie steht ihr Fans zu den Protesten der Atomgegner? Würdet Ihr da auch mitmachen?
Stefan: Nein, weil ich solchen Protesten einfach nichts abgewinnen kann. Die Mahnwache beschränkte sich auch nur auf eine Handvoll Leute, die aber dennoch zumindest mediales Aufsehen erregt hat. Und ich denke, dass dies auch nur den momentanen Ereignissen in Japan geschuldet ist. Denn Fakt ist: Ohne Japan hätte es diese Mahnwache gar nicht gegeben – was ich sogar Schade finde, denn die Atomkraftgegner sind ja doch nicht erst seit Heute Atomkraftgegner. Ein dauerhafter Protest würde meiner Meinung nach mehr bringen – wie man ja auch am Beispiel EasyCredit gesehen hat.
Alexander: Die Mahnwachen also solche sind legitim in einer offenen Gesellschaft, anlassbedingt sogar verständlich und ihre Wirkung haben sie erreicht, die „mediale Aufmerksamkeit“. Ich persönlich allerdings finde die Richtung der Proteste nicht richtig, denn der Verein FCN ist eben doch ‚nur‘ Sponsoring-Partner und insoweit nicht verantwortlich zu machen. Das wäre ja wie gegen RTL protestieren, weil ein Werbepartner mit seiner unternehmerischen Tätigkeit irgendwo Proteste auslöst. – Ich verstehe also die Proteste und finde sie im Kern auch richtig, aber nicht deren Zielrichtung.

FFB: Glauben die Fans, dass es irgendwelche negativen Auswirkungen für das Image des Club gibt?
Stefan: Bisher gab es diese nicht bzw. habe ich keine wahrgenommen. Im Stadion selbst hat es auch keine sichtbaren Protestaktionen gegeben – weder von unseren Fans noch von denen des Gegners.
Alexander: Die Frage ist doch: Welches Image? Im Sinne von: Image in wessen Augen? – Ein Imageschaden des Vereins bei den eigenen Fans wohl kaum, zumindest langfristig, da richtet sich der Unmut doch mehr gegen den Sponsor. Dass die „gegnerischen“ Fans das dankbar aufnehmen könnte man nicht verübeln und für die Presse ist es natürlich ein Thema, aber auch nur ein temporäres. – Das Problem ist doch eher das Image des FCN bei möglichen Sponsoren. Erst easyCredit, jetzt Areva – das sind nicht unbedingt Empfehlungsschreiben für finanzkräftige neue Sponsoren. Ohne die Hintergründe im einzelnen zu kennen wirkt es doch eher so, als könnte keiner den Fans gerecht werden. Und Sponsoren, die viel zahlen und gleichzeitig ein makelloses Image haben, regional ansässig und weitgehend anspruchslos, sind selten.

FFB: Wie stehen die Fans des 1. FC Nürnberg zu ihrem Atom-Sponsor?
Stefan: Ich kann da leider nicht für alle Fans sprechen, aber ich glaube schon, dass ein Großteil der Clubfans lieber einen anderen Sponsor hätte – nur leider kann man sich seinen Sponsor nicht beliebig aussuchen. Mir selbst waren die Trikot-Sponsoren mehr oder weniger egal, aber mit »Mister + Lady Jeans« kamen ja auch viele schon nicht so klar.
Alexander: … oder auch Adecco – ein Unternehmen aus dem Bereich „Arbeitnehmerüberlassung“, was bei der damaligen Fluktuation des Personals des FCN eine Art „Running Gag“ war. Der Atom-Sponsor war allerdings von Anfang an für viele Fans humorlos. Man resignierte allerdings nach anfänglichen Protesten schnell, die Vorkommnisse in Japan ließen das Thema aber natürlich wieder hochkommen.

FFB: Mal so ganz allgemein: Sollen Sponsoren grundsätzlich nur aufgrund von Geldgründen ausgewählt werden oder soll man auch auf ethische und ökologische Werte Rücksicht nehmen? + Was würdet ihr Euch in der Zukuft von eurem Präsidium bezüglich der Sponsorenwahl wünschen?
Stefan: Den Sponsor oder Geldgeber kann man sich – wie schon gesagt – meist nur bedingt aussuchen. Gerade als „kleiner“ Verein, der finanziell nicht auf Rosen gebettet ist. Ich hätte vielleicht auch lieber MAN, Schaeffler oder ein anderes mittelfränkisches Unternehmen als Sponsor. Hilft aber alles nichts, wenn die kein Sponsoring oder Sponsoring beim Club (siehe Schaeffler) betreiben wollen. Am Ende muss man das nehmen, was sich anbietet, um überleben zu können. Und ich denke schon, dass man schon jetzt beim 1. FC Nürnberg auf ethische und ökologische Werte Rücksicht nimmt – aber vor zwei Jahren war das Thema Atomkraft eben noch nicht so stark präsent wie heute. Stünde man heute vor einer Sponsorenwahl, würde Areva wohl sicher nicht mehr im engeren Kreis sein.

Alexander: Es ist immer das gleiche Problem beim Sponsoring: Sponsoren wollen ihr Image „verbessern“, dafür bezahlen sie Geld und darum betreiben sie das und setzen auf populäre Sponsoring-Partner wie bspw. aus dem Bereich Fußball. Nicht umsonst ist das Thema „Greenwashing“ in dem Zusammenhang auch so ein Thema. Wenn man nicht gerade der Justin Bieber der Fußball-Welt ist, muss man eben nehmen, was sich anbietet. Und wenn man dabei das Maximale will, muss man auch in Kauf nehmen, dass man die Sponsoren nehmen muss, die auf diesem Weg versuchen ihr Image etwas zu polieren. Hier das richtige Maß zu finden, ist sicher nicht einfach. Wie Stefan schon sagte, war bei Abschluss des Vertrages alles in allem vielleicht noch akzeptabel in diesem Sinne, dazu aus der Region – heute wäre es das vielleicht nicht mehr – bei gleichen Konditionen. Am Ende müssen das die Verantwortlichen entscheiden und verantworten – und auch mit der Kritik leben. Dass sich in aber Zukunft etwas ändern muss, ist kein Wunschdenken, es wird wahrscheinlich sogar Notwendigkeit sein. Wie man heute sieht, werden solche Fan-Antipathien immer schneller medienpräsenter und führen damit wenn auch nicht zum Schaden, so doch zur Unzufriedenheit aller Beteiligten an der Zusammenarbeit, da der Imagetransfer scheitert bzw. sich sogar negativ umkehrt. In diesem Sinne wird die Komponente „Fan-Akzeptanz“ sicher in Zukunft immer wichtiger werden bei der Auswahl und Abwägung der Partner.

FFB: Ein guter Schluss und wir werden es beobachten, ob sich etwas ändert und die Fans zukünftig miteinbezogen werden.Vielen Dank, dass Ihr Euch für die kleine Diskussion zur Verfügung gestellt habt.

Am Ende gab es doch noch eine Aussage der Vereinsverantwortlichen des 1. FC Nürnberg, aber diese beruht eigentlich weiter auf dem Prinzip: Aussitzen und Schweigen! Oder Halt, wir müssen jetzt sagen Aussitzen und alles für Gut befinden. Auch eine Möglichkeit und mit dieser Aussage kann eigentlich niemand mehr behaupten, man stelle sich nicht der Diskussion, oder?

Areva hat sich keiner kriminellen Handlung schuldig gemacht. Unser Vertrag mit Areva läuft bis zum Jahre 2012, die Zusammenarbeit mit unserem Hauptsponsor ist hervorragend. (Statement des 1. FC Nürnberg)

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